Sergiu Celibidache

 

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Sergiu Celibidache
...im Spiegel der Presse

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Ein Interview  aus der Zeitschrift "Das Orchester" von Heinz Ludwig

Sergiu Celibidache über Musik und Musikleben heute

Wie beurteilen Sie, Herr Professor Celibidache, die heutige Lage der Musik In der Welt und in Deutschland?

Bevor ich einsteige, möchte ich gerne wissen, ob Sie meine mir nahestehenden Menschen, von Liebhabern bis Musikwissenschaftlern, denselben Nachtzug nehmen wollen und ob Sie die gleiche dynamische Auffassung von Musik wie ich auf diese Reise mitnehmen; denn das Neubeleuchtender alten Landschaft und die Verdunkelung der neuen Kunststoffwälder hängen zum Teil davon ab.

Was verstehen Sie unter einer dynamischen Auffassung von Musik?

Ja, wie kann man mit dem Ende anfangen? Um nach München zu fahren, fährt man nicht über München! Ich könnte Ihnen leichter zeigen, was keine dynamische Auffassung von Musik ist   also eine statische -, das, was Musik nicht ist.

Was ist Musik?

Ist ein Stück Popmusik Musik? Ist das, was in der Oper geschieht und im Kabarett gespielt wird, Musik? Ist es auch das Summen Grodecks morgens beim Rasieren, das Geweine eines Klageweibes, „Lili Marleen" auch? Ist eine Mozart Symphonie Musik? Auch unter Frühbeck? Für meine alten Fahrgesellen Handschin und Pfrogner, die immer anders gefahren sind, schon, da der Lebenssitz des Musikalischen sich angeblich im Menschen selber befindet, haben wir scheinbar zunächst mit Menschen zu tun. Bringt uns die im Menschen prädisponierte Tonordnung die Entsprechungen im Seelenleib erfährt, zum entscheidenden Unterschied? Gibt es einen Unterschied? Ist Be darf am Ausdrücken dessen, was im Seelenleib Resonanzen verursacht? Ganz egal, was, wie und wo es ausdrückt schon Musik? Oder wird Musik erst dann, wenn die von unten oder sonst wo kommenden Regungen   mögen sie in noch so sphärenharmonischen Zwischenbeziehungen miteinander stehen   vom Geist geordnet, reflektiert und in einem einmaligen Werdegang geformt werden?

Ja, was ist Musik? Zunächst ist Musik nichts   es gibt nicht Musik als direkte, dauerhafte, existierende, in der Welt seiende Form   so wie es Menschen, Partituren oder Geigen gibt: sie wird. Sie muss zum Entstehen gebracht werden, ohne je eine statische, in der materiellen Welt vorhandene, seiende Form annehmen zu können.

Es gibt aber die V. Beethovens!

Nein, die gibt es nicht. Die gibt es nirgends. Sie entsteht oder sie entsteht nicht. Jedes Mal neu, erneut, jedes Mal wieder. In der Staatsbibliothek oder im Programmheft klingt sie noch nicht. Es ist aber ebenso falsch zu behaupten: Musik wird etwas! Etwas wird Musik! Und dieses Etwas ist die vom Geiste geformte und geführte Bewegung einer Klangmasse, die eigene, im Menschen verankerte Möglichkeiten und spezifische Erfordernisse hat.

Der gemäßigte Pofrogner meint nach gründlicher Durchforschung, dass seine Vermutung   dass es Musik sei, aus der Töne entstehen und nicht, dass es Töne seien, aus denen die Musik entsteht   Erstaunen auslösen würde: Erstaunen? Nein! Bestürzung! Dieser hochstehende Denker verlegt den Unterschied so tief unter den Horizont, dass er ihn nicht mehr sieht.

Es gibt so eine Erscheinung, die Bewegungen der Gefühle ausdrückt; Töne, die zu einem Tonsystem gehören, benutzt; immer seelische ichbezogene Regungen als Ursprung hat   und doch völlig außerhalb der sinngebenden Befruchtung des Geistes sich betätigt. Aus diesem Etwas entstehen Töne, Linien, bewegte Harmonien, Formen, Flächen, Volumen etc., die im Menschen reflektiert werden und den Menschen berühren   aber nicht Musik. Zunächst braucht Musik, um entstehen zu können, alle diese sinnlichen Ausdrücke. Das Vorhandensein, das in Erscheinungtreten aller dieser Elemente ist noch keine Garantie für die Musik: damit Musik entstehen kann, sind die stofflichen Elemente eine unerbittliche Bedingung. In beiden Fällen sind es Menschen, Leiber mehr oder weniger ätherischer Art. Im Inneren des Menschen lebende Tonsysteme sphärenharmonischer Modelle, lebhafter Gefühlsbewegung etc. Ausschlaggebend bleibt das Geistige. Durch den Geist wird die physische, physiologische, psychische Bewegung Musik. Durch den Geist und seine umfassende, koordinierende und potentialisierende Fähigkeit werden die hörbaren Materialien in Ihren direkten oder projizierten Formen zu einem höheren Erlebnis sublimiert. Und wie?

Indem man alle wahrgenommenen und angeeigneten Aus drücke transzendiert. Und Menschen tun es, und einige wissen es sogar. Was meint E. Kurth, wenn er bei dem Melodieerlebnis vom Zurück   und Vorwärtshören spricht, als wären sie, die verklungenen und kommenden Töne. In einem Male mit dem eben erklingenden gegenwärtig? Die einfachste Form von Transzendieren! Das ist aber nicht alles, was wir nicht verstanden haben. Kant meint, dass Musik Spiel der Empfindungen sei. Und diese autoritätsschwangere Schlafpille hat manchen langen Nächten ein Ende gesetzt.

Die Bewegung des Klanges, wenn sie eine Verbindung zwischen Tonfolgen, Entfalten der Klangkinetik und Menscheninnerem Ist, kann und hat ein Spiel der Empfindungen zur Folge: das ist noch lange keine Musik. Gilbert Bécaud vermittelt Empfindungen und auch Karl Böhm, wenn gleich auch weniger feine. Wieso war die IV. Brahms' in New York unter Boulez ein Skandal? Kann Musik das auch sein? Und wenn es keine Musik war, an was hat es denn gefehlt? Konnte dieses ich, was sich in die Zeit, in jedem Augenblick neu hineinschafft, nichts über zu schnell, zu langsam, zu fein, zu laut, zu blöd, zu leer oder genau um gekehrt berichten und umdisponieren? Denn sonst war, was das Wesen der Musik, Professor Handschin, für Sie ausmacht, angefangen mit dem ich, allen unsichtbaren und sonstigen Leibern bis hin zur Interkorrespondenz mikro- und makrokosmischer Sphärenharmonien, alles da. Und noch einmal: obgleich Musik ohne die im Menschen vibrierenden Regungen, die im Klanglichen leben, nicht entstehen kann, hat sie mit den Empfindungen und Klangereignissen nur indirekt zu tun. Die Erscheinung ist nicht das Erscheinende. Die Klangempfindungen, die eine kund gebende Funktion haben, sind Äußerungen, die etwas bedeuten, bezeugen, etwas vermitteln   die nichts mit ihrer weltlichen, gegenständlichen Erscheinungsform zu tun haben. Sie sind zunächst Träger, sie sind Vehikel, sie sind noch keine sinngebenden Einheiten. Sie werden erst durch den sinnverleihenden Akt der geistigen Transzendierung zum Noemen, zu konstituierten Sinneinheiten der Wahrnehmungen.

Musik hat ebenso wenig zu tun mit dem Zeichen Ton (als Ausdruck oder Anzeichen genommen) wie das geistige Erlebnis mit den vermittelnden, hinweisenden Denkbegriffen oder sprachlich vermaterialisierenden Symbolen. Das Wesen dieser Offenbarung "Über allen Gipfeln ist Ruh" hat mit Ruhe, über, Sein oder Gipfel als einzelne ungerichtete. Entitäten oder mit der eindeutig hinführenden evolutionären, semantischen Ordnung dieser nichts zu tun. Zu dem eigentlichen Erlebnis kommt man nur, wenn man alle zusammenwirkenden Komponenten in ihrer einmaligen inneren Verflechtung erkennt und transzendiert.

Zum Denken gehören die polyvalenten Symbole, Begriffe. Vorstellungen, wie Schomsky vielleicht weiß, verschiedener Serien, die eigenen elastischen Gesetzmäßigkeiten folgen verschiedene Richtungen einschlagen dürfen und verschiedentlich gemeinsame Intersektionspunkte mit anderen Serien, erfahren können.   In der Musiksprache gehören zunächst die Worte, die Laute in einem einheitlichen Tonsystem zusammen, das nichts anderes ist als ein Bündel von eintretenden Epiphänomena, eine Schablone gerichteter Massenverhältnisse, die auf dem Weg des Verschwindens, des Ausklingens, des Hauptphänomens, des gleichschwingenden Tones, entstehen. In beiden Fällen gibt es eine primäre Zusammengehörigkeit des Materials; aber dazu eine entscheidende, korrelationierende Funktion des wahrnehmenden Bewusstsein. Diejenigen von uns, die erfahren haben, dass es auch in Österreich klingende Kartoffelsäcke gibt, haben es nicht, verehrte Professoren, im Ätherleib erfahren. Und wenn Musik im Menschen ist, warum hat der geduldige Böhm sie noch nicht gefunden? Sucht er an verkehrter Stelle? Oder ist Suchen vielleicht doch Sache des Intellektes und Finden Monopol des Geistes? Nein! Musik ist im Menschen genauso wenig drin wie der Geist in den unsichtbaren Bewegungen der körperlichen Physiologie, im Inneren des meditierenden Jogi. Die Bewegungen sind da; ohne sie würde er nicht, käme er nicht zum Meditieren. Beim Meditieren transzendiert er sie. Beim Musizieren transzendiert man den Resonanzboden, den Ätherleib und alle seine Entsprechungen.

Was meint R. Steiner in seiner von ihm selbst als negativ bezeichneten Definition... das, was man hört, ist niemals musikalisch (also Musik ist nicht die Töne, die Sie hören), ... das, was Sie nicht hörend erleben zwischen den Tönen, das ist in Wirklichkeit Musik! Also, sie ist nicht die Töne oder in den Tönen! "Sie ist zwischen den Tönen!" Wo zwischen? Denn "Zwischen" ist eine andere Ubication, Veröffentlichung! Nein, zwischen ist sie auch nicht, denn "Zwischen" gehört ebenso wie "darauf", "neben" oder "in" zu dem Hörbaren, zum sinnlichen Ausdruck. Und wenn Musik   immer laut Steiner   das Geistige an der Sache sein soll und wenn das Geistige außerzeitlich entstehen soll, dann ist die Definition nicht negativ und, ob wohl absolut richtig gehört und erlebt, nur unglücklich formuliert. Musik ist nicht in den Tönen, sie ist nicht zwischen den Tönen: sie ist nirgends! Außerzeitlich. Sie wird in der Transzendenz. Sie wird, wenn man die sinnlichen Ausdrücke, ihre unerlässlichen Träger, transzendiert.

In welchem Sinne meinen Sie transzendieren?

Ja, ich weiß, transzendieren klingt so anspruchsvoll, so esoterisch und ist für die meisten Menschen ein abstraktes Wort, wofür sie keine direkte Anschauung sich zu schaffen wissen. Dabei transzendiert der Mensch ständig. Angefangen mit dem zusammenhängenden Darstellen beim Deuten und Beweisen, bis zum Sichentleeren bei den Konzentrationsübungen des Freiheitssuchenden. Man transzendiert die Details eines zu langen Buches, nachdem man sie alle gekannt und assimiliert hat, wenn man zu der Feststellung gekommen ist   es sei zu lang. Man entfernt sich von dem betörenden Reichtum der Einzelheiten eines griechischen Tempels, um zu transzendieren, wenn man von dem Sinn des Ganzen etwas erfahren möchte.

 

Wie transzendiert man Klangempfindungen?

Indem man nicht bei der Aufnahme der einzelnen Klangempfindungen bleibt, indem man wach über die einzelne Klangempfindung hinweghört, indem man das Wahrnehmen in der Gleichzeitigkeit pflegt, indem man das "Jetzt" nicht als tote Grenze zwischen dem was war und dem was sein wird empfindet, sondern als ein vereinendes Werden erlebt, in dem Vergangenheit ständig Zukunft wird.

Vielleicht verstehen die Steiner   Anhänger jetzt anders, was er meinte, als er so radikal sagte, "In dem Moment, wo der Ton fertig Ist, hat das Musikalische aufgehört.", Denn sonst, nähme man den Ton für eine vergangenheits- und zukunftslose, in sich und für sich wirkende Erscheinung, müsste Musik, die so viele Töne braucht, so oft aufhören und so oft wieder anfangen, dass es keine Zeit mehr zum Zuhören gäbe, es sei denn, dass so etwas gar nicht nötig wäre..,

Wir sagten, dass Töne anzeigende, hinlenkende Vehikel sind. Sie können etwas befördern, etwas entstehen lassen helfen, was in keiner vergegenwärtigenden Begriffsformel zu fassen ist. Für den korrelationierenden Seher: Das Wesen eines solchen Transportmittels ist nicht die Bewegung, die auch eine Bezwingung der Statik ist, sondern die in der Gleichzeitigkeit Kontinuität herstellende Funktion.

Es macht aber so viele Zwischenphasen, die notwendig und unerlässlich sind, und in so vielen Weisen Hamburg aus Köln. Man tut in Hamburg weiter das, was man in Köln nicht weiter tun konnte. Was hat sich geändert? Eine Äußerlichkeit! Was ist gleichgeblieben? Die fortführende Möglichkeit der wirkenden Idee, etwas weiter zu tun. Jetzt aber ein wesentlicher Unterschied: In der Musik transzendiert man aber den Klang nicht etwa, um auf etwas anderes, verschiedenes, höheres Klangschöneres zu kommen: Musikalisch verlasse ich nicht Hamburg, um nach Köln, D-Dur um nach e-Moll zu kommen. Nur wenn ich den Anfang, den Weg zum Höhepunkt und das Ende in jedem Augenblick des evolutionären Fortschreitens wahrnehme, kann ich zum Erlebnis des ganzen Werdeganges kommen. Und das ist nur in der Gleichzeitigkeit möglich. In jedem musikalischen Ton ist das, was ihm vorangegangen, ebenso das, was aus ihm wird, potentiell enthalten. In jedem Ton ist das Wesen des Ganzen vor oder nach der phänomenologischen Reduktion vorhanden. Nur Indem man den Klang transzendiert, irgendwie verlässt (nachdem man ihn wahrgenommen, sich ihn angeeignet hat), kann man seine gestaltende Funktion erleben, und seine Funktion ist: jetzt, hier und so weit vom Anfang, jetzt, hier und so früh oder spät, vor oder nach dem maximalen Expansionspunkt, jetzt, hier und so nah dem Ende zu wirken. In jedem Augenblick der musikalischen Evolution ist der aufnehmende, korrelationierende Geist da und überall auf der werdenden Linie auch. Das ist die Gleichzeitigkeit. Das ist möglich, nur indem man ständig kontinuierlich zukunftwerdende Vergangenheit vergegenwärtigt. Die wesenseigene Linearität des Bewusstseins, das immer Bewusstsein von etwas ist, kann es nicht fassen: Es ist ausschließlich, Monopol des reinen Bewusstwerdens, Alleinrecht des Geistes.

Mozart und Bach haben sich der Empfindungen ihrer Welt, der Töne, Tonsprache, Tonsatz, Konventionen, Stil etc., bedient, die sicherlich zeit   und raumbedingt waren. Wie kommt es, dass einige von uns sie für zeitlos und in diesem Sinne für die Modernsten halten? Wenn es dazu kommt, dann nur, weil das Ausgedrückte den Ausdruck transzendiert. Bachs Musik hat   wenn sie entsteht   nichts mit der Bach   Zeit zu tun; sie entsteht außerhalb der Zeit. Sie ist zeitlos. Sie hat nichts mit der Zeit zu tun. Sie wird aber ewig mit dem Menschen zu tun haben. Aber der Mensch der Zeit Bachs wie der heutige brauchte und braucht Empfindungen, um diese transzendieren zu können.

Haben die Meister damals so gedacht?

Nein, vielleicht nicht. Wichtig ist, dass sie es so getan haben.

Und die heutigen Schöpfer?

Was, soll man von dem heutigen sogenannten schöpferischen Schaffen sagen? (Oder sagen wir mal denken, denn darüber etwas zu sagen, wagen doch nicht alle.) Wenn alles, aber auch alles vom Klang, zum Klang, wegen des Klanges, im Klange lebt? Was kann ein selbstzweckgewordener Klang vermitteln? Nicht mal sich selbst sehr lange, denn bald stellt sich, auch für den kaleidoskopischen, sich selbst erneuernden Bedarf des Kindes, das Verlangen nach etwas anderem, nach Neuem, ein. Eine Entwicklung eines Klanggeschehens, die auf dem kinetischen Prinzip der Neuigkeit, der Originalität, der spitzfindigen Überraschung des ewig sich vermehrenden „épater le bourgeois“   Willens fundiert, kann nur eine Assoziation in der Sukzessivität sein, ein Aufeinanderfolgen von Berührungen der leicht ansprechbaren Sinne.

Wenn Musik nur aus einer inneren Dialektik eines pluralistischen Kontrastes mehrerer menschlicher Gebilde bis jetzt entstanden ist, ist das Summieren der nebeneinander stehenden Eindrücke nichts als eine richtungslose Kette von willkürlichen Klangimpressionen. Etwas bildhafter vor getragen. Acht ist die Summe dieser Kette 2+2+2+2. Dieselbe Acht ist aber das Resultat einer inneren Bewegung einer konzentrischen Handlung, nämlich 2³. In diesem Fall ist 8 nicht durch Addieren der einzelnen losgelösten Teile entstanden, sondern Folge einer einheitlichen, genetischen, um sich selbst wirbelnden Kraft. Wie schnell, wie lange und in welcher Weise muss sich die Zwei bewegen, drehen, damit sie eine Acht wird? Jeder Punkt dieser Entwicklung bezeigt unaufhörlich und gleichzeitig seinen Ursprung und sein Ziel. Nicht so die losen Glieder der ersten Reihe. Das zeigt symbolisch, wie Musik entsteht: Aus den inneren Bewegungen, die zeitlich und räumlich in unaufhörlicher Kontinuität artikuliert sind und Zeit und Raum im Geiste artikulieren. Und so kommt, auf dem Weg des durch Neuigkeit der Eindrücke und Belebenswollens der heutigen Zauberer, der heutige Klangdurstige zu der einmaligen Idee, Mikrophone auf den vibrierenden Gong zu kleben, auf die Straßenbahnräder und ihre musikalischen Reize, und somit wird die Bereicherung des menschlichen Ausdruckskapitals sichergestellt, und so wird das zeitgenössische Schaffen, unter anderem, ich los   blaulichtig   kosmisch und natürlich spiele   einen   Ton   hörig. Dankbar sollten wir denjenigen sein, die aus purem, edelstem Sozialinteresse auch für diejenigen, die nichts zu sagen haben, sorgten und ein so allumfassendes Vokabular zu vervollständigen dachten. Als ob man mit den Brockhaus -  Blättern nicht auch Wind machen könnte!

Wie steht so eine Musikkonzeption zur heutigen Konzerttätigkeit?

Schlecht. Das Konzertpodium ist bei dem Spiel der Empfindungen geblieben und das Spiel der Empfindungen beim Konzertpodium. Mit wenigen Ausnahmen wird angeboten, was verlangt wird, weil das, was verlangt wird, an geboten wird. Trotz dieser vollen, luftdichten Saugekraft dieses zweibahnigen wirtschaftspolitischen Gesetzes gibt es noch Menschen, die noch ein Ende in Funktion vom An fang erleben und darzustellen vermögen. Die sind aber nicht das Mark des heutigen Konzertmarktes: ihrer Wirkung nach sind sie kleine, periphere Arterien. Die wichtigen Blutwege der heutigen öffentlichen Hybris sind voll mit anderen bewegungsbedürftigen Stoffen, und kein Wunder, dass bei der Dickheit des Beförderten Stauungen und Verstopfungen die markanteste Charakteristik der öffentlichen Tätigkeit bleiben.

Wenn das, was heute gemacht wird, keine Musik ist, was ist es dann?

Das kann so vieles sein! Das kann aus den Minderwertigkeitskomplexen entstehende Bewunderung für Akrobatik, es kann einseitige Befruchtung seitens der größeren Persönlichkeit sein. Freiwillige Fernvergewaltigung, romantische Landschaften für Kurzsichtige, klingende Aquarell -  Träume für den taubstummen Alltag und nicht zuletzt eine beinahe geistige willkommene Angelegenheit, einige selbstbehauptend mitsummen, mitgestalten zu dürfen. Und schließlich: was könnte das alles nicht sein, ließe sich Frau Rührselig noch mehr gehen. Die magischen Eigenschaften des Konzertpodiums dem bunt besetzten Saal gegenüber sind nicht mehr aus unserer Welt zu schaffen, Ob wohl mit der Entfernung das Gegenteilige eintreten sollte, zeigt die merkwürdige Perspektive Neigung zum Vergrößern. Dieses romantische vor den vielen Augen und Scheren "Alleinstehen ...“, „Aufsichselbstgestelltsein" wird bewundert und, wenn mit natürlicher Bescheidenheit, Glatze und Scheu gemischt, auch entgegenkommend bemitleidet. Der wahre Einsame, der zu bewundern und zu bemitleiden wäre, sitzt auf der anderen Seite, unter den vielen Beifallspendern, mit denen er die Begeisterung nicht zu teilen vermag. Das konzentrische Kreuzfeuer der Erlebnissüchtigen schafft aus jeder willigen Birne sogar einen Künstler kopf. Was kann auf dem fruchtbaren Boden der Bühne nicht alles wachsen? Sie hat natürlich auch ihre Grenze: Wenn einer nach einem entwurzelten Sonnenschirm aussieht, kann sie nur mit Hilfe neuer Zutaten helfen. Da der Musikliebhaber sich beim Musikgenuss nicht ausschließlich auf das Hören verlassen kann, sieht er zu, schmeckt und fasst und tastet er alles, was bei der Entfernung noch möglich ist. Bei einem solchen, sich immer wieder aus der eigenen Asche erneuernden Bedarf sind Eindrücke, Empfindungen nie zu wenig. In dem reichlich Bunten findet jeder sicherlich auch die langersehnte, passende eigene Farbe. Man fragt sich nur, wie kann Musik   bei dieser erstaunlichen Wandelbarkeit   nicht Genuss für alle sein?

Aber führt nicht auch dieses Spiel der Empfindungen zu ihrem natürlichen Ende?

Für manche tut es das   es gibt bekanntlich auch leere Säle. Aber dieses Spiel, kombiniert mit dem der Hörempfindungen, schafft sich manchmal richtige I.G.   Farbentunvergänglichkeit. Es gibt weiter so viele andere esoterische Intensivierungsmittel, wie die geistige Disposition des Haaransatzes, die verblüffende Wiedergeburt des Beethovenschen Kopfes bei einer vermutlichen Dame, das brennende Pathos der allumfassenden Gestik, das elektrische, übermenschliche Vibrato, die unwiderlegbare Genialität des Schneiders, das elektronische Gedächtnis und nicht zuletzt dieses nicht weiter definierbare Gewisses etwas   Rätsel, das bei dem bedürftigen Abnehmer nicht lange suchen musste. Bei den Platten fallen unvermeidlich einige dieser Ausstrahlungen aus. Deswegen bleibt die Platte heutzutage der einzige, der sauberste, der höchste Musikgenuss. Auf der Platte Ist das alles nicht möglich. Auch der musikalische Ton nicht. Noch immaterieller, noch entfleischter, noch über allem stehender, noch Integraler wäre es gebrauchsfertiger nicht denkbar.

Ist das Publikum für Sie wirklich so wenig?

Es gibt unter uns Menschen, die Musik wahrnehmen können, wenn sie entsteht. Diesen symbolischen Begriff Publikum aber kann ich schwer fassen und noch schwerer mit ihnen teilen. Auch ich weiß, dass es Konzertbesucher gibt, die sich nur dadurch ähneln, dass sie alle in der Musik (oder in dem, was sie darunter verstehen) das hören möchten, was sie hören wollen und sich nur dadurch unterscheiden, dass nicht alle möglicherweise dasselbe wollen.

Was halten Sie von der Fachpresse?

Wieso "Fach"? Sie meinen diejenigen, die nach oder vor dem Konzert so literarisch auf dem geduldigen Papier mit bleibender Schwere so blühend nachkomponieren? Wie kommt so ein glücklicher Einsiedler zu den wimmelnden Musikbesprechungen? Da sind aber die Wege Gottes, lieber Antonin Artaud, noch unendlicher! Hat der kurze Golgatha  Weg, der die Menschen   wer weiß wo   hinbringen sollte, doch nicht nach dem entfernten Rom geführt? Ganz kurz gesagt: Alle musikalischen Wege führen zur Redaktion   zu derselben, zu dem heiligen wahrschreibenden Ohr! Sofern man zu gehen, zu warten und zu hungern weiß ... Und wie verschieden die Thronwege sein können! Manche großen Geister wurden bei der Verfolgung des Musikideals von einem solchen flitzenden Geist bewegt, dass die weniger musikalischen Finger ein gottbegnadeter Grund für die heroische, selbstlose Entscheidung waren, den ärmeren Menschen Musik nur durch Schreiben weiterzuvermitteln. Das ist dennoch die Gnade. Es gibt auch Begabtere, die irgendeine direkte, musikalische oder sonstige Verwandtschaft zu dem Zeitungsbesitzer zu entdecken wissen. Und wenn das schwer ist, gibt es, so wie es bei den Zeitungen üblich ist, mindestens einen künstlerischen Rubrikdirektor oder Feuilletonvermesser, der viel von dem Angebotenen wegschneidet. Soll der vermutliche Kritiker noch mehr schneiden wollen, um so länger, um so besser! Das Umgekehrte ist bei den heutigen Gepflogenheiten auf dem Papier nicht möglich. Mich fragte einmal ein ganz großer, echter deutscher Dirigent: Wie kommt es, dass eine solche gottvergessene Kohlrübe auf dem Parkett des Konzertsaales Wurzeln zu fassen vermochte? Meine botanischen Kenntnisse sind bis heute sehr bescheiden geblieben: Ich wusste und ich weiß es nicht. Und wenn die andere Sorte, der starke Intellektuelle meint, Musik wäre damit zu erfassen, dann wüsste ich wirklich nicht, warum Adorno gelebt hat und wo seine vielen Löcher im Wasser geblieben sind.

Stuckenschmidt hat trotz seiner bedingten musikalischen Korrelationsfähigkeit ein Leben lang über Musik schreiben wollen: Seine Begabung aber war nur Schreiben. Ihm wäre die Offenbarung der Klangtranszendierung die erste Klangtranszendierung. Bis dahin hat man ihm für die Rehabilitierung der handlichen Dämonen, die trotz Levy Strauss und Jung schonlange keinen anerkannten Platz und keine richtige Arbeit mehr in unserer Gesellschaft finden konnten, zu danken. Nichts, um Gottes willen, gegen musische oder sonstige rachsüchtige Dämonen: Allein die Wohltat, dass sie aus so leicht greifbarer Nähe die trostlose Armut der Spätreifen so willkommen zu möblieren verstehen und manchem Verlegenen das Schwimmen Im Trockenen beizubringen versuchen, sichert Ihnen einen markanten Ehrenplatz, ein Wappenbild in der Mythologie der Plebejer. Trotz der unzweifelhaften Geltung, die diese inspirierte Darstellung Stuckenschmidts erlangt hat, und bei allem Reichtum, der wegen seines elementaren Charakters keiner weiteren Aufklärung bedarf, die bleibende Frage bleibt: was mit der wunderbaren, so esoterisch gestützten wissenschaftlichen Analyse geschehen sollte, falls der wandernde Schönberg tragischerweise das Pech hatte, nach solch langem Suchen den passenden Dämonen nicht gefunden zu haben und sich allein und nur sich selbst allein der musikalischen Welt, die ihrerseits seit jeher den eifrigen Dämonen der Dummheit ergeben war, gestellt, hätte?

Joachim Kaiser, um einen Bescheideneren zu nennen, sagte neulich   unter anderen noch monumentaleren Privatansichten  , dass keiner in der Weit, in der ganzen. Welt (verstehen Sie? das muss man ihm, allein dieser einmaligen Fassung wegen, glauben) ein gewisses Klavierstück, so phantastisch wie die kleine Martita spielen kann. Wenn er uns für Patienten hält, ist dieser Analytiker die einzige Garantie für das Gelingen der Übertragung. Wir wurden nebenbei auch belehrt: Für uns war früher, bevor die große Martita so etwas wurde, nichts anderes als ein weite-Wiesen-frohes Fohlen mit zwei wunderschönen musikalischen Ohren, welches unvermeidlich, so wie es im Leben manchmal ist, etwas für Ihre Raum und Zeitgenossen her zurauschen vermag. Denken Sie nicht, dass sich Herr Kaiser von mir missverstanden oder gar beleidigt fühlt; er weiß bei seiner reichlich bespickten Kultur, dass der noch größere Gustave Flaubert, als er Cezanne besprechen wollte und entdeckte, dass ihm Begabung fehlte, malereiblind war.

Ist die Presse im Ausland besser?

Ist Krätze besser als gar nichts? Nein, sie ist nicht besser. Sie ist nur nicht so gut akademisch getarnt. Den Vegetariern, die so leichtfertig meinen, dass überall mit Wasser gekocht wird, fehlt es an schwarzverbrannter Topferfahrung.

In Frankreich ist man traurig, man ist verzweifelt darüber, dass keiner den Musikkritiker spielen möchte. Man versucht, diese prädestinierte Berufung auch als Beruf sehr attraktiv zu gestalten, indem man ihn als geistige Tätigkeit hinstellt und in diesem Sinne verstärkend, falsche Einflüsse vermeidend, schlecht bezahlt. Trotzdem will es keiner machen. Kaum je waren sich die Franzosen so kollektiv unindividuell einig. Wie selektioniert man nun die Werte? Wer entdeckt Rubinstein? Wie promoviert man die echten Künstler, die anderen? Wer sorgt für die Erhaltung der phantastisch   akustischen Konzertsäle? Wer schützt den anfälligen Xenakis gegen das Virus völkischer Ignoranz? Wer erklärt den armen Plebejern, dass Varèse, der Mozart verabscheute, doch oder vielleicht deswegen ein Genie war? Nein, es ist trostlos; das alles macht keiner! Kein Wunder, dass   noch lange vor dem "Jahr der Frau"   einige Damen die Initiative ergriffen und sich feste übten und versuchten, mit charmanter, feminin duftender Kompetenz, durch leichte Feder und fließenden Stil, schriftliche Vokalisen und graziöse Entenschrift diese gähnende Lücke im französischen geistigen Menü auszufüllen.

Und denken Sie, wie tragisch die spirituellen magnetischen Kraftfelder Europas liegen: Ein paar hundert Kilometer weiter in Holland zum Beispiel, wimmelt es nur so von Musikkritikern. Da fehlt es aber an Gegenteiligem. Ja, alles kann man wohl nicht haben, mit der Ausnahme von Salzburg: Da gibt es Musikkritiker und Nichtkritiker zusammen in ein und derselben Person. Kein Wunder! Da singen die Steine unter den Rädern und die Birnen auf den Bäumen mehrstimmig. Das hat man Wolferl zu verdanken! Welche Ortschaft in der Weit kann sich einer solchen leuchtenden Schirmherrschaft rühmen und eine solche maßlos   großzügige Einstellung erlauben? Geben, geben und wieder geben! Was hat das kleine Dörflein der Menschheit nicht alles wieder und wieder gegeben und was es nicht alles noch weiter gibt! Man staunt nur vor dieser endlosen Schwangerschaft und der nicht enden wollenden Potenz des Genies. Es hat, das ist wahr, an Mozart Auffassungen auch in anderen weniger musikalischen Vor orten nie gefehlt, aber seitdem dieser wirkliche musikalische Nabel seine Mekka   Rolle bewusst übernommen hat, leben wir alle, ausnahmslos, in Mozart   Gewissheit. Und wenn neidische Provinzler oder Berufsskeptiker meinen, dass es mit dem Geben zu Ende wäre, dann gerade gibt das kleine Ding schon wieder was her! Und das zu jeder Zeit! (August einschließlich!) In Salzburg schläft keiner unter fachmännischer Kontrolle Winter. Zum Teil ist es unter trieben, denn die Tradition (die musikalische natürlich) hält alle sowieso wach. Es ist seit Mozart trotz hügeliger Lage nicht mehr das Paradies der Murmeltiere. Leider kann diese Nachricht nicht alte Festspieler, alle ruhebedürftigen Musikfreunde erfreuen. Und dass es heutzutage Denker gibt, die noch an die unwiderstehliche, emporsteigende, durchschlagende Kraft des im "Unten" befangenen „Oben" weiterhin schweigend glauben, gehört zu der unverständlichen Musikliebe des vorsichtigen, geduldigen Schöpfers. Ja, aber die messern nicht beck....

Ist Musik nur etwas für Eingeweihte?

Wenn Sie eingeweiht im ausschließenden kategoriellen Sinn verstehen, nein. Wir westlichen Anfänger wissen erst seit Husserl, dass in jeden, Ich der andere   das Ich des nächsten   impliziert ist und dass diese Implikation den Sinn der objektiven Welt konstituiert. Indem ich meine Klangerfahrungen und die in diesen Erfahrungen fundierten Einfühlungen fremder Subjektivitäten transzendiere, er reiche ich die Stufe objektiver Gültigkeit, d.h. die intersubjektive Betreffbarkeit. Also, Musik wäre prinzipiell für alle die, die nicht an dem augenblicklichen Ton, Klang und an deren Hörempfindungen haften, sondern deren in der Gleichzeitigkeit erlebbares wirkendes Tun, durch Transzendieren erfahrbar. Und viele erfahren es, wenn auch nicht immer im Konzertleben.

So, wie dieses reizvolle abwechslungsreiche Spiel der Empfindungen getrieben, aufgenommen und legalisiert wird, kann es nicht zu Musik führen. Was ist noch musikalisch zu nennen in den   durch jahrelanges Bemühen eingefleischten Muskelreaktionen   synchronisierten Reflexen, einer Kette von artikulierten Bewegungen, wenn es gerade durch diese Mechanisierung der aufeinanderfolgenden Impulse, der klangerzeugend nicht mehr aus dieser irrreduziblen Realität, welche Raum heißt, empfindet und schafft, nicht mehr diese Form und sinngebende Rolle dem Raume überlässt, sondern stur, allein, nicht um sich hörend, getrennt und unbeteiligt, dem Imperativum der Alternierungsmöglichkeiten seiner Aluminiumfinger folgt? Die starre Geschwindigkeit seiner eingefleischten Bewegung kann er nicht verändern, um sich den räumlichen Erfordernissen anzupassen (jeder Raum hat eine eigene Topographie und Beschaffenheit) und somit zu dem richtigen, getreuen Tempo zu kommen. Die Gefahr, dass die feine Schweizer Mechanik stehen bleibt, ist enorm. Das Tempo, das musikalische Tempo, ist das, was die Finger, durch langes, blindes, gegen die träge Masse geführtes Fechten, hergeben können. Weder Eduard Erdmann noch Michelangeli vermochten diesem zu Hause wachgewordenen Geigenbogen etwas beizubringen. Man kann auch nicht erwarten, dass alle hochbegabten Babys In der Philharmonie mit dem Bogen umzugehen lernen. Vielleicht könnte man aber weiterhin davon träumen, dass die Bogenführung   von Raum zu Raum   eine andere sein dürfte, wobei das, was gleich bleibt, nur ihre Funktion ist   das heißt die lebendige Widerspiegelung aller mitwirkenden Faktoren. Also, Musik ist nicht nur für Eingeweihte; aber sie ist sicherlich auch nicht für erlebnistaube Klangschläger und fügsame Zuhörer.

Sie sagten einmal, dass Musikgenuss für alle möglich sei.

Ja, möglich ist es. Möglich ist, wie umgekehrt, eine konditionelle Form vom Unmöglichen. Wenn Kunst aus einer psychischen und physischen Not entsteht, die unbewusste Sehnsucht allen Kontingenzbedingtheiten zu entkommen ist, ist das, was sie erstrebt, reinste Freiheit und kann nur vom Geiste erfahren werden, da Geist das volle Bewusstsein in oder bei der uneingeschränkten Ausübung seiner Freiheit ist. Kunst ist ein Versuch (une tentative dit Valéry), aus der Bedingtheit zu entkommen, also wieder frei zu werden. Wer versucht das nicht? Wer will das nicht? Wer sucht die Befreiung (auch wenn sie unter so verschiede man falschen, scheinbaren, wahren, sichtbaren oder geheimen Antlitzen erscheinen mag) nicht? Wenn Kunst Entbindung, Überwindung von Persönlichem, Individuellem sein soll, das Mozart   Adagio ist mehr als der Ausdruck seines Schmerzes   es ist, wie man vor 50 Jahren so wohlklingend  sagte, Weltschmerz! Er transzendiert aber seinen Schmerz nicht, um auf den Weltschmerz zu kommen, sondern er transzendiert auch den Weltschmerz, um das Erlebnis der Schmerzfreiheit in einer nicht dauerhaften, an kein materielles Dasein gebundenen, einmaligen, immer wieder neu entstehenden Erscheinung zu ermöglichen. Im Springen vom Flüchtigen zum Flüchtigen ist dennoch das Ständige, das Suchen nach dem Bestehenden. Wer sucht das Bestehende nicht? Musik ist nicht die Frucht des ständigen Suchens, sondern die Realität des stetigen Findens. Also wer sucht, findet nicht   wer findet, sucht nicht. Bei der Entstehung der Musik: Beständig (sich immer gleich bleibend) ist nur die einmalige Jetzt-, Hier- und So- und  nicht- andere- Möglichkeit Ihrer Offenbarung. Die Skala der sinnenhaften Eindrücke, mag sie noch unendlich raffinierter und differenzierter erscheinen, nimmt vom Menschen nur in einer begrenzten Form Besitz. Das wissen die Weitersuchenden! Das wissen diejenigen, die es gefunden haben. Also, obwohl alle Voraussetzungen in jedem Menschen sowohl innen wie auch in dem gehörten, gesetzmäßig geordneten transzendierbaren Phänomen potentiell vorhanden sind, kommt nicht jeder zum Musikerlebnis.

Fortsetzung