Sergiu Celibidache

 

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Sergiu Celibidache
...im Spiegel der Presse

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Tod und Pinien á la Celibidache

Sergiu Celibidache, Arturo Benedetti Michelangeli und das Südfunk - Sinfonieorchester in der Stuttgarter Liederhalle, ein Artikel von Wolfram Schwinger in der Stuttgarter Zeitung.

Ein unmögliches Programm - phantastisch gut gespielt. Für beides, die unbehagliche Zusammenstellung der Werke und ihre ungemein virtuose Interpretation, ist Sergiu Celibidache verantwortlich, der schon oftmals mit dem Südfunk-Sinfonieorchester zusammen gearbeitet hat, von 1973/74 an dessen Hauptdirigent sein wird und jetzt zwischenhinein wohl einmal zeigen wollte, was man aus diesem Orchester alles herausholen kann. Und um das Ganze auch noch mit einem solistischen Glanzpunkt zu versehen, ist kein Geringerer als Arturo Benedetti Michelangeli gebeten worden: Doch auch er fügte sich - gewiss, nach eigenem Wunsche - in dieses Programm einer musikalischen Demimonde.

Der Substanz nach wirklich erstklassige Musik war in diesem Sonderkonzert eigentlich nur die einleitend gespielte Euryanthe-Ouvertüre von Weber - und seltsam, gerade sie geriet am wenigsten; ihrer Natürlichkeit, ihrer melodischen Schlichtheit, ihrem auch in der hymnischen Steigerung doch immer noch liedhaften Fluss stand Celibidaches Wille zum Außerordentlichen im Wege. Überfeinerungen im Pianissimobereich wirken hier nur manieriert, und ritterlicher Eleganz kommt man mit forschem Elan auch nicht ganz auf die Spur.

So wirkte das herrliche Stück eigentlich nur als eine Pflichtübung vor dem "Eigentlichen" - und das war nun diesmal die große Virtuosität im Reiche gefühliger Poesie, sentimentaler Schwermut und atmosphärischen Pomps. Darin nun allerdings sind Celibidache und Benedetti Michelangeli solche Souveräne, dass sie auch das Zweitrangige zum Ereignis werden lassen. Edvard Griegs Klavierkonzert, Straussens "Tod und Verklärung" und die "Pini di Roma" von Respighi kann man wohl kaum süperber zu hören bekommen als diesmal.

Es ist natürlich kein Zufall, dass dem Rezensenten Griegs Klavierkonzert nach genau fünfzehn Jahren jetzt zum ersten Mal wieder im Konzertsaal begegnete. Nachdem es in früheren Generationen, auch noch nach der Jahrhundertwende, ein bevorzugtes Repertoirestück der großen Klaviervirtuosen war, ist es heute nun endgültig und völlig zu Recht in den Schatten von Schumanns Klavierkonzert getreten, dem es ja bis in Einzelheiten (vor allem des ersten Satzes) verpflichtet ist. Grieg gibt, um melodische Norwegiana bereichert, um pianistische Effekte vermehrt, sozusagen die Salonausgabe seines großen Vorbilds. Und aus der kann eben selbst ein solcher Ästhetizist wie Michelangeli keine große Musik machen, obwohl er alles Menschenmögliche getan hat, Gefühliges schlicht zu spielen, Pathetisches nicht wild herauszudonnern; nein, Michelangeli hat äußersten Geschmack walten lassen, hat im ersten Satz gar vieles unterspielt. Wo Celibidache und das Orchester sich bereits engagierten, hat er sich beinahe noch, gelangweilt gegeben – nur bei den arabeskenhaften Melodieausbreitungen, die Grieg sich "tranquillo e cantabile" wünscht, konnte sich der Pianist schon im ersten Satz seiner sublimen Anschlagskünste nicht enthalten und vollbrachte klangliche Zaubereien, bei denen es für den Hörer von relativ geringer Bedeutung ist, wie viel Substanz da eigentlich in der Musik steckt.

Aber dann, im Des-dur-adagio-" legte Celibidache mit dem Orchester, vor allem mit den Streichern, soviel seriöses Klangsentiment vor, dass sich nun auch Benedetti Michelangeli ganz gefordert fühlte und das raffinierte Gespinst des Klavierparts mit phänomenalem Nuancenreichtum ausstattete, die Thematik, mit unerhörter Kraft modellierte -, sich insgesamt also richtig in Stimmung spielte, die dann auch im neckischen Finale anhielt (mit Fortsetzung in einem der lyrischen Klavierstücke Griegs, das Michelangeli sich von den Applausstürmen abtrotzen ließ). Aber der Gedanke, Michelangeli und Celibidache da zu haben und keinen Schumann oder Brahms von ihnen zu bekommen, war trotzdem recht schmerzlich.

Zwei großorchestrale Tondichtungen auf, einmal vom deutschen und vom italienischen Strauss: Das kann man sich eigentlich nur gefallen lassen, wenn's als Training gemeint ist, als Anlass, das Orchester in anderthalb Probenwochen mal wieder so richtig auf Hochglanz zu polieren, in die Spitzengruppe der europäischen Orchesterelite hineinzukatapultieren. Das ist gelungen. Dafür sollten wir dankbar sein, das Orchester und die Hörer gleichermaßen. In den spätromantischen Abgründen, stockenden Herzschlägen und martialischen Ergüssen von "Tod und Verklärung" ergingen sich Celibidache und das Südfunk-Sinfonieorchester übrigens keineswegs so selbstverständlich, so ungebrochen und hingebungsvoll wie etwa Karl Böhm und die Dresdner Staatskapelle (im Sommer in Salzburg). Es blieb eine deutliche Distanz spürbar; man lebte dieses Werk nicht nach, sondern führte es vor: sehr ernsthaft, ausführlich zelebrierend (den Anfang), die ganze instrumentale Virtuosität auskostend, die Exaltation nicht scheuend.

Viel direkter entzündete sich Celibidache dann an Respighis "Pinien von Rom", da war er nun ganz in seinem Element und stachelte das Orchester an allen hundertundsoundsoviel Pulten zu selten gehörter Brillanz an. Ob es nun tänzerisch oder lärmend unter den Pinien der Villa Borghese zuging oder düster und Psalmodierend im Schatten einer Katakombe - immer holte Celibidache ein Äußerstes an instrumentaler Präzision und klanglichem Raffinement aus dem Orchester heraus. Ehe dann aber die imperiale Prozession auf der Via Appia mit ihrem triumphalen Crescendo anhebt (1924 komponiert, vier Jahre vor Ravels Bolero!), gibt es das pastorale Naturbild der "Pinien auf dem Janiculum", - dessen wundersame Poesie so lange ein wahrer Genuss bleibt, bis echtes Nachtigallengezwitscher (Respighi   verlangt die Naturaufnahme von Concert Record Gramophone No. 6105) die Illusionen nicht hebt, sondern zerstört. Aber zuvor: da hat Celibidache mit dem Orchester so zart geschwärmt, jedes atmosphärische Detail so liebevoll gestaltet, da wurde das Klarinettensolo so himmlisch schön geblasen, dass einem zum ersten Mal an diesem Abend richtig warm ums Herz wurde – während man sonst immerzu nur staunte, über Michelangeli, über die Oboen- und Violinsoli im Strauss-Stück, über alle Orchestergruppen bei Respighi. Was hat dieser Celibidache nur fertiggebracht!

Das will man nun auch außerhalb Stuttgarts vorführen, mit gleichem Programm in Düsseldorf und München, mit Beethovens Fünfter (anstelle von Grieg) in Nürnberg. Nach dem Stuttgarter Abend fällt es leicht, auch für die Tournee triumphale Erfolge vorauszusagen.