Sergiu Celibidache

 

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Sergiu Celibidache
...im Spiegel der Presse

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Von Stuttgart nach Trier

Sergiu Celibidaches Dirigierkurse an der Trierer Universität und ein paar Rundumschläge von Gábor Halász in "Die Rheinpfalz"

Bei aller Querköpfigkeit, Überempfindlichkeit und Unausgeglichenheit bei allem Starrsinn sind Sergiu Celibidache, dem Außenseiter unter den großen Dirigenten, pädagogische Fähigkeiten keineswegs ab zusprechen. Davon zeugt letztlich die enorme Steigerung des spielerischen Niveaus, die jeden Orchester erfährt, das über längeren Zeitraum mit ihm arbeitet   das letzte dieser Celibidache   Wunder ist das Südfunksinfonieorchester, das unter seiner Leitung zum erstklassigen Klangkörper wurde (Celibidache: „Das beste Orchester der Welt, zwar nicht individuell. aber kammermusikalisch“). Diese erzieherische Kapazität des exzentrischen Pultlöwen liegt also zweifellos auch dem Erfolg des Dirigentenkurses zugrunde, den er kürzlich an der Trierer Universität abgehalten hat. Im rheinland-pfälzischen Kultusministerium, das in Zusammenarbeit mit der Universität und dem ZDF den Kurs veranstaltete, herrscht nun Hochstimmung: Die neue Initiative soll künftig fest im Etat eingeplant und Trier "deutsche Hochburg“ für inter nationale Dirigentenkurse werden   so Staatssekretär Horst Langen.

Sieht man von Karajans Berliner Dirigierseminaren einmal ab, so stellt der vierwöchige Trierer Lehrgang tatsächlich den ersten Schritt in dieser Richtung in der Bundesrepublik dar. Solche Kurse sind im Ausland sehr beliebt, vor allem in Italien   auch Celibidache gab seinen ersten Unter richt in Siena, und auf Siena folgte Bologna; erst später fanden die Kurse in Schweden, Dänemark und Prag statt   aber auch in Österreich, Holland und anderen Ländern. Ihre Vorteile bestehen in erster Linie in der täglichen Arbeit mit einem Berufsorchester   in Trier stand die Pfälzische Philharmonie (Ludwigshafen) zur Verfügung   und darin, daß für den kurzen Zeitraum prominente Dirigenten als Kursleiter gewonnen werden können, die an den Planstellen der Musikhochschulen kein Interesse haben. In Deutschland setzt man indessen auf den Apparat der staatlichen Hochschulen, auf planmäßiges Studium, Lehrprogramme und vor allem auf die praktische Erfahrung des Opernrepetitors, die hierzulande übrigens künstlich hochgespielt und verabsolutiert wird. Celibidache hält dagegen nichts von der Praxis der deutschen Hochschulen – „miserabler geht es gar nicht“ -, vermißt die „Ausbildung intellektueller Art“ und versucht, der Misere auf seine Weise abzuhelfen. Gewiß in dieser Schärfe ist das Urteil absurd   Celibidaches Sentenzen sind ohnehin nicht wörtlich zu nehmen  , trotz dem bleibt die Dirigierausbildung (nicht nur in Deutschland) ein zum Teil ungelöster Problemfall.

Welche Alternativen bietet dagegen der Trierer Kursus? Was haben Celibidaches 116 Jünger aus dreißig Ländern in vier Wochen gelernt? Die meisten von ihnen können es nur sehr verschwommen formulieren und scheinen vor allem von der Persönlichkeit ihres Lehrers fasziniert zu sein. Der Meister meint sie hätten gelernt, „wie es nicht geht. Sie wüßten nun, daß sich einiges nicht fortsetzen dürfe, daß beispielsweise „Bayreuth eine Schande war, die die Deutschen einfach hinnahmen“   das sind aber nur boshafte Bonmots. Wichtig ist dagegen der Einblick in die Probenarbeit   durch einen Meister vermittelt: Bei Celibidache erfährt man enorm viel über Orchesterfarben, über Balance. Wer die Fähigkeit dazu hat, begreift, was der homogene Klang ist, wie ein Akkord nach harmonischen und akustischen Kriterien realisiert wird, schließlich bekamen die Kursteilnehmer eine konkrete Vorstellung von der Präzisionsarbeit eines Orchestervirtuosen. Kurzum: Bei Celibidache lernt man hören. Hinzu kommen scharfe rhythmische Kontrolle, exakte Einstellung der Tempi und schlagtechnische Grundlagen. Freilich ist Celibidache nicht der einzige, der über Musik und das Metier den Dirigenten etwas zu sagen hat, sein großartiges Wissen und Können sind aber nicht hoch genug zu schätzen. Nicht zuletzt hat die Pfälzische Philharmonie von ihrer Mitwirkung beim Kurs und der Arbeit mit dem Maestro profitiert: Im Konzert mit Celibidache, das im Anschluß an den Dirigierkurs in mehreren rheinland-pfälzischen Städten wiederholt wurde, wuchs das Orchester über sich hin aus und demonstrierte eine Klangqualität und Spielkultur, die es in der Regel nicht erreicht.

Die Crux des Kurses liegt in der hohen Teilnehmerzahl. Mit dem Orchester haben nur zwölf Studenten (täglich eine Viertelstunde)  gearbeitet. Zwischen dieser Gruppe und den passiven Hörern gab es zwar eine gewisse Fluktuation, man kann aber durchaus vom harten Kern der fortgeschrittensten Dirigieraspiranten sprechen. Die restlichen etwa hundert Studierenden beteiligten sich am allgemeinen und theoretischen Teil des Kurses. Beim technischen Grundkurs schlugen dann die 116 gemeinsam den Takt und hantierten mit großer Begeisterung, während der Meister sie unermüdlich korrigierte. Vielen „fehlt noch der richtige Schlag“   so Celibidache - "einige fassen alles sofort auf und realisieren das Erlernte unmittelbar und spontan anderen glückte bis heute kein richtiger Schlag, der etwas mitteilen konnte". Und: „in jedem steckt ein Celibidache. nur ist er noch nicht frei.“ Im wesentlichen geht es darum, daß sich Celibidache nicht von vornherein auf eine Elitetruppe fest legt, sondern auf breiter Basis arbeiten und auf längere Sicht jedem eine Chance geben wollte: ein faires Angebot.

Weniger fair waren seine Angriffe, die er in einer Pressekonferenz gegen den Musik betrieb, gegen Kollegen, Programmdirektoren der Rundfunkstationen, gegen „falsch orientierende Hochschulen", unfähige Professoren und „musiktaube Rektoren“ geritten hat. Da wütete er gegen „Idioten, die vor den Orchestern stehen“ sprach vom „Grabstein der Mittelmäßigkeit", der Deutschland erdrücke, und selbstverständlich vom Grundübel, der Mechanisierung der Musik durch die Schallplatte. "Ein Kulturmord"   verkündete der Maestro  , denn „seitdem wir die Platte haben, gibt es keine Dirigenten mehr.“ Angesichts seiner Ablehnung des Tonträgers drängt sich die Frage auf, weshalb denn Celibidache während seiner gesamten Laufbahn vorzugsweise mit Rundfunkorchestern gearbeitet hat. Sein Hinweis auf die hohe Probenzahl, die sich die Funkanstalten leisten können, reicht nicht aus, um diesen Widerspruch zu kitten.

Schließlich die Begründung seiner Trennung vom Süddeutschen Rundfunk: Es ging um eine Konzertreise nach Wien. Celibidache wollte Bruckner dirigieren, denn „das Südfunkorchester spiele den besten Bruckner der Welt - „mit deutschem Vibrato“. Aus Angst vor der Konfrontation mit den Wiener Philharmonikern   meinte Celibidache, wurde statt Bruckner Tschaikowsky verlangt. Der Maestro willigte in die Programmänderung nicht ein. Statt die Tournee abzusagen, holte sich der Funk einen anderen Dirigenten. Daraufhin zog Celibidache die Konsequenzen. Auch war er damit nicht einverstanden, daß seine Aufnahmen über den europäischen Rundfunk   Verbund ausgestrahlt wurden. Statt aus ihrem Recht Gebrauch zu machen, hätten die Verantwortlichen den Stuttgarter Sendern bedenken müssen – erklärte der eigenwillige Rumäne  , daß ihr Chefdirigent gewisse Länder (vor allem Italien) zu boykottieren beabsichtigt.