Sergiu Celibidache

 

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Sergiu Celibidache
...im Spiegel der Presse

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Celibidache
Legende

Er war Philosoph unter den Dirigenten. Sergiu Celibidache hatte den Mut zum Widerspruch gegen den Musikbetrieb. Jetzt sind die Aufnahmen seiner Konzerte, deren Veröffentlichung er zu Lebzeiten strikt untersagte, auf elf Cds erschienen.

 

Was ist das - Musik? Wie wird sie hergestellt? Unter welchen Bedingungen „entsteht“ sie? Fragen, die schwer zu beantworten sind. "Kommen Sie zu uns in die Proben!" Eine Einladung? Eher ein Befehl, ausgesprochen mit blitzenden Augen, wann immer ihn jemand zur Musik, zum Dirigieren aushorchen wollte. Ungnädig abfertigen mochte er die Frager nur, wenn sie ihm mit glatter Neugier oder aufdringlicher Bewunderung zu Leibe rückten. Spürte er aber Wißbegier und wirkliche Passion, war sein pädagogischer Eros geweckt. "Kommen Sie zu uns in die Proben!"

Celibidache liebte das Lehren. War sofort bei der Sache, wenn er auf Themen wie Orchesterbesetzung, Intonation oder symphonischer Klang angesprochen wurde; wenn man ihn nach den stilistischen Aspekten von Epochen, Komponisten oder Werken befragte, nach den richtigen Tempi, den Gesetzen der Klangbalance, nach Phrasierung, musikalischer Artikulation und Formstruktur - oder nach seinen philosophischen Ansichten zur Musik. Da verstrickte er sich in leidenschaftliche Diskussionen. Sicher war er sich nur über eines: Was Musik wirklich sei, "wissen wir nicht". Was er zu wissen glaubte: Das Staunen und Fragen über die Musik kann nicht von Gedanken und Worten befriedigt werden, sondern nur durch die Begegnung mit dem lebendigen Prozeß der Musik, durch das Klangerlebnis.

Der Dirigent als Orchester-Erzieher: ein Musik-Erzieher - in München 17 Jahre lang von 1979 bis 1996. Die Münchner Philharmoniker haben sich anfangs nur schwer daran gewöhnt, daß ihr Chef zu allen Proben Zuhörer zuließ. Damit verletzte er ein Tabu. Die großen Orchester proben abgeschirmt von der Öffentlichkeit. Ungestört will man sein, sicher vor Missverständnissen und Indiskretionen bei einer Arbeit, die immer auch emotional gesteuert ist und nicht selten in Kontroversen, selbst einem Eklat münden kann. Celibidache sah sein Handwerk eher nüchtern, zuweilen mit Sarkasmus: Der Dirigent sei einer, der Ordnung schafft im Orchester. Ein Musiker sei er nicht, noch nie sei "aus der Taktstockspitze ein Ton herausgekommen". Keiner der großen Maestri, Leonard Bernstein ausgenommen, ging mit solch missionarischem Eifer dem Phänomen, dem "Geheimnis" der Tonkunst auf den Grund; und keiner hat die Musik, bei aller Skepsis gegenüber der Sprache, immerzu besprechen wollen.

Der junge Ekstatiker
Für den noch nicht entnazifizierten Wilhelm Furtwängler übernahm Sergiu Celibidache nach dem Krieg die Leitung des Philharmonischen Orchestern Berlin. Über 400mal stand der Rumäne am Pult. Chef aber wurde Herbert von Karajan

Celibidaches Proben waren nicht bloß Vorübungen für die Konzerte: Sie konnten zu geistigen Konzentrationsübungen werden. Seine Feststellung "Wo andere aufhören, fange ich erst an" meinte nichts anderes. Die Stücke wurden nicht bloß technisch durchexerziert, sondern analytisch in ihrer Struktur aus gehört und völlig neu zusammengesetzt. Celibidache gab präzise vor, weshalb eine Phrasierung, eine Klangfarbenmixtur, ein melodischer Fluß oder eine rhythmische Figur so und nicht anders "geht", und war nicht zufrieden, bis aus seiner Vorstellung Klang geworden war. Und immer ging es ihm um den "Charakter" eines Werkes, dessen musikalische "Atmosphäre". Seine Konzentrationsleistung war unfaßlich. Er probte und dirigierte ohne Partitur, stets hatte er das Werk vollständig im Kopf.

"Ich probe, also bin ich" — das war sein Existenzbeweis. Der Endzweck aller Klangformung war nicht das "Endprodukt", das Konzert, sondern die Musik in ihrer von allen Zwecken entbundenen Schönheit - und Wahrheit. Für Celibidache überstrahlte die philosophische und ethische Bedeutung der Musik bei weitem ihre ästhetische. Deshalb mußte die Suche nach der musikalischen Vollkommenheit für ihn zum Kampf um Sein oder Nichtsein werden. Der Gegner war das kommerziell orientierte "Musikleben" mit seinem Kosten-Nutzen-Rechnen. Damit war ihm die Außenseiterrolle vorbestimmt. Erst als Generalmusikdirektor in München konnte er seine Ideale von musikalischer Qualität annähernd realisieren, zugleich seine Idee der Publikumserziehung, einer demokratischen Teilhabe aller an der Musik.

Es war ein langer Weg. Berlin, 1936. Ein junger Mann aus Rumänien, schlank, asketisch, mit langen Korkenzieherlocken, studiert Musiktheorie, Kontra punkt, Komposition und Dirigieren an der Berliner Musikhoch schule. An der Berliner Universität belegt er Philosophie und Musikwissenschaft. Nur wenige Musiker wollten und konnten soviel Wissen sammeln wie dieser leidenschaftlich lodernde Feuer kopf. Der durch die Kriegsverhältnisse verzögerte Aufbau der Karriere mündete 1945 in einen sensationellen Anfang: Weil Wilhelm Furtwängler, im Deutschland der Nazis kompromittiert, zunächst nicht in Berlin arbeiten durfte, wurde der 33 Jahre alte Rumäne interimistisch zum Chefdirigenten des Berliner Philharmonischen Orchesters gewählt. Er sollte es, das symphonische Repertoire am Pult lernend, mehr als 400mal dirigieren. Als Furtwängler 1952 zu rückkehrte, trat Celibidache wie der ins zweite Glied. Nach Furtwänglers Tod 1954 wählte das Orchester Herbert von Karajan, den Medientüchtigen, zum Chefdirigenten.

Ein Riß in Celibidaches Leben, eine ewige Wunde. Erst 38 Jahre später sollte er seine Philharmoniker wieder dirigieren. Bundespräsident Richard von Weizsäcker hatte ihn zu zwei Sonderkonzerten überredet. Bei der langsamen, monumentalen, ungeheuer spannungsreichen Aufführung von Bruckners Siebenter Symphonie hielten sich Glück und Irritation die Waage - im Orchester wie im Publikum.

Furtwänglers geniale Spontaneität im musikalischen Erleben und im darstellerischen Vollzug hatten den jungen Celibidache mächtig bewegt. Daß Musik nicht etwas ist, sondern im Augen blick des Musizierens erst entsteht - er hat es in Furtwänglers Berliner Konzerten erfahren. Tausendmal hat er dessen Antwort zitiert: Auf die Frage, wie schnell das Tempo in einem Satz von Schuberts großer C-Dur-Symphonie sein müsse, habe Furtwängler nur lapidar einmal gesagt: "Ach, wissen Sie, je nachdem, wie es klingt." Celibidaches Schlußfolgerung: "Also wie es klingt, kann das Tempo bestimmen! Tempo ist nicht eine Realität an sich, sondern eine Bedingung. Ist da eine enorme Vielfalt, die zusammenwirkt, so brauche ich mehr Zeit, um damit musikalisch etwas anfangen zu können."

Der Statthalter
Wilhelm Furtwängler darf nach dem Ende der Nazi-Herrschaft nicht mehr dirigieren. Sergiu Celibidache übernimmt das Pult bei den Berliner Philharmonikern kommissarisch. Der Posten des Chefdirigenten bleibt ihm jedoch verwehrt

Mit dem schmerzlichen Ende der Berliner Karriere begann die Wanderschaft zwischen den musikalischen Welten. Die Stationen zwischen 1954 und 1979 lagen in Südamerika und in Europa. Die Italiener liebten seine spontane Art des Umgangs, die würzige Eleganz seiner Rede, sein erotisches Verhältnis zur Musik und den Künsten, seinen scharfen Witz. In Italien begann Celibidache mit dem Unterrichten. Bis zuletzt sah er es als das wichtigste menschliche Tun an. Da die von ihm geforderten, zeitaufwendigen Proben am besten von Rundfunk Symphonieorchestern erfüllt wurden, lagen später auch Stockholm und Stuttgart mit Chefpositionen an seiner Wegstrecke. Celibidache stand im Zenit seines Wissens, Könnens und auch seiner Kraft, als er mit 67 nach München ging. Zu seinen ersten Taten nach Übernahme der Chefposition hatte es gehört, den Status des Orchesters zu verbessern, es personell aufzustocken, besonders begabte junge Musiker für die Aufbauarbeit zu interessieren. Er versprach sogleich, die Münchner Philharmoniker zu einem "Weltorchester" zu machen. Die Stadt wurde nicht enttäuscht.

Durch seinen heiligen Ernst und durch seine unberechenbare Spontaneität versetzte Celibidache nicht nur das Orchester, sondern die ganze Stadt in Hochspannung. Ein Wechselbad der Gefühle: ungläubiges Staunen über einen verrückten Radikalen im öffentlichen musikalischen Dienst, über einen Maestro, der verblüffend eindringliche, oft genug (sogar die Musiker selbst) aufwühlende Aufführungen zustande brachte. Verunsicherung und Empörung über einen Streitlustigen, der im Feuer des Gefechtes seine Gedanken nicht auf Eis zu legen verstand. Im Zorn hat er sei ne Kollegen als unbegabt, kulturlos, akademisch beschimpft. Wirkte oft wie ein Querulant, der seine Selbstverwirklichung in der schonungslosen Aufrichtigkeit suchte. Aber er hatte tausend Gründe für seinen Zorn auf den Musikbetrieb. Von 1982 an verzichtete er fast ganz auf Gastauftritte anderwärts, dirigierte nur noch die Münchner Philharmoniker, gab pro Saison rund 50 bis 60 Konzerte. Die Zeit der triumphalen In- und Auslandsreisen begann. Seine zuweilen schroff zur Schau getragene Unabhängigkeit machte ihn angreifbar. Lieber pflegte er freundschaftliche Beziehungen mit seinen Orchestermusikern als PR-Kontakte zu Journalisten oder öffentliche Freundschaften zu Kulturpolitikern. Celibidache polarisierte, fand Verehrer oder Verächter.

Verstanden haben ihn jedenfalls zu Beginn seiner Münchner Jahre, nicht allzu viele Krisen und Krache blieben nicht aus. Als er 1984 ein halbes Jahr zunächst wegen Erkrankung, dann aus verletztem Stolz nicht dirigierte, hallte München wider von Kulturgeheul. Zum festen Kanon der Angriffe gegen Celibidache gehörte die Meinung, die Musik werde durch seine hartnäckige Probenarbeit in ihrer Freiheit gefesselt. Tatsächlich hat er die Freiheit der Musik erkämpft. Wenn er den Musikern zurief, "Nichts wollen!", ging es ihm um eine instinktive Tonbildung, um melodisches und rhythmisches Schwingenlassen. "Lass es geschehen!" rief Celibidache oft dazwischen, wenn ein Musiker eine solistische Kantilene allzu gerade oder eng spielte. Und meistens gelang es ihm, den Musiker von Fixierungen und Verkrampfungen zu befreien. "Phänomenologie der Musik" - so nannte der Lehrer Celibidache sein Fach. In den Orchesterproben war davon oft die Rede. Seine Schüler unterrichtete er in privaten Dirigier- und Theoriekursen wie auch als Professor an der Universität Mainz von den siebziger Jahren bis in die frühen neunziger. Zweimal jährlich fand das jeweils 14tägige Universitätsseminar mit Proben und Musizierpraxis statt. Es ging ihm da bei stets um die Gesetze des Hörbewusstseins, die Vielfalt sinnlicher und intellektueller Wahrnehmung, Hingabe an den unwiederholbaren Augen blick der Musik, an das Erlebnis. Er sei der objektivste Dirigent, hat Celibidache in aller Unbescheidenheit eines Souveräns festgestellt. In den Münchner Orchesterproben ließ sich miterleben, wie geduldig, wie bezwingend Celibidache 80 oder 100 Individualisten auf einen gemeinsamen Weg, einen Herzschlag, einen Atembogen des Klanges hinlenkte. Strenge und Charme, Humor und Sarkasmus waren seine Kommunikationsmittel. In den letzten Jahren milderte Herzlichkeit die diktatorische Schärfe von früher Celibidache wurde zum leidenschaftlich liebenden und strengen Vater des Orchesters. Wie tief seine Enttäuschung, sein Zorn, sein grimmiger Blick, wenn Musiker unaufmerksam waren. Doch konnte niemand so loben wie er und die Musiker auch freilassen. Typisch ein "Appell", den er ein mal an den Münchner Philharmonischen Chor bei der Probe zu Mozarts Requiem richtete: "Meine einzige Kraft kommt von Ihnen. Ich muß nur die Widersprüche im Menschen in Harmonie bringen; das ist die Rolle des Dirigenten. Denn in jedem steckt so viel Negatives wie Positives. Maß gebend ist zum Schluß, wenn wir zur Musik kommen, das Positive. Viele von Ihnen können das, was ich kann, nur, Sie wissen es nicht."

Der alte Maestro
Heiliger Ernst und unberechenbare Spontaneität, Streitlust und schonungslose Aufrichtigkeit Sergiu Celibidache versetzte eine ganze Stadt immer wieder in Hochspannung, ein Radikaler im öffentlichen Dienst

Asiatisches Denken spielte unüberhörbar in Celibidaches Musikauffassung hinein. Zen-buddhistische Einsichten und Praktiken hatte er schon in Berlin über den Meister Bante erfahren. Er biederte sich nicht an, als er 1986 Japanern gegenüber sagte, er fühle sich wie in einer Heimat angekommen. Nicht ganz einfach sei es für "Logikgeplagte und kombinationseifrige Grübler", schrieb Celibidache einmal, den Zu gang zu Buddha zu finden. Nämlich den grundlegenden Unterschied zwischen dem statischen und dem dynamischen Denken zu begreifen, "zwischen dem ichbezogenen Denken und dem Erkennen des unergründlichen, unaufhörlichen Kontinuums der dahinrollenden Lebensgesetzmäßigkeiten einzusehen". Die Zeitkunst Musik vollziehe sich als ein klangliches Werden und Vergehen, nicht greifbar, nicht fixierbar. Hier liegen die Gründe für Celibidaches tiefe Abneigung gegen Musik auf "Tonträgern" begründet. Sein im Grunde theologisches Credo - fast einem Bilderverbot gleich - lautete, daß Musik sich nicht zum Ding machen lassen dürfe. Vor allem deswegen lehnte er die Schallplatte ab. "Der Ton wird vom Menschen gemacht, aber der Mensch kann ihn nicht festhalten. Der Klang gehört dem Menschen und dem Kosmos."

Dies ist die entscheidende, dem Leben und der lebendigen Musik verpflichtete Lehre, die uns dieser Dirigent hinterlassen hat. Basilica di San Marco, Venedig 1956: Celibidache dirigiert ein Konzert und erfährt dort, in der kostbaren doppelchörigen Raumakustik, nach eigenem Bekunden eine entscheidende, dem Leben verpflichtete Einsicht in die Musik: Anfang und Ende gehören zusammen, sie bedingen einander. Der Gedanke, ja das Geheimnis einer solchen symbolischen, geradezu mystischen Identität läßt ihn in Zukunft nicht mehr los. Und findet seiner Ansicht nach höchste Erfüllung in der Symphonie Anton Bruckners. Mit welchem Argument sich Celibidache zu Bruckner bekennt, dessen unvollendete Neunte Symphonie er ein halbes Jahr vor seinem Tod wie sein eigenes Vermächtnis in München dirigiert, sagt viel aus über die geistige Motorik des Dirigenten: "Er ist der größte Symphoniker - weil er der größte Denker in der Musik ist."

"Willst du Musik machen — oder willst du nur den Erfolg?" pflegte er seine Schüler zu fragen. Was bleibt bestehen von diesem Künstler? Die Erinnerung, der Mythos Celibidache? Oder die Aufzeichnungen seiner Konzerte, die nun doch auf CDs veröffentlicht sind? Was sie nicht bescheren können, ist das Glück jenes erfüllten Augenblicks im Moment des Musizierens und Hörens.

Wolfgang Schreiber, ist Kritiker der "Süddeutschen Zeitung" in München.
Amadeo Nr.1/1998
Zur Veröffentlichung der EMI Cds mit den Münchner Philharmonikern 

 

Anders als wir alle

Ich habe mich ehrlich bemüht und lange darüber nachgedacht, was ich zu diesen Aufnahmen sagen könnte. Wie kam er dazu, so zu musizieren, wie er es in den letzten fünfzehn Jahren tat? Ich kannte Sergiu Celibidache seit langem. Habe ihn, als ich junger GMD in Lübeck war, mit dem Berliner Philharmonischen Orchester eingeladen und danach, bei einem Abendessen, seine künstlerische Intelligenz bewundert. Damals wählte er, nach meinem Eindruck, „richtige“ Tempi. Waren also die, welche ich vor einiger Zeit bei einem seiner Konzerte mit den in Wien gastierenden Münchner Philharmonikern erlebte - er dirigierte die Achte Symphonie von Anton Bruckner- „falsch„? Ich habe mich gefragt, wie weit man sich vom zeitlichen „Rahmen“ einer Komposition entfernen darf. Wer wüsste die Antwort? Es hat ihn fünf Jahrzehnte gekostet, so zu werden und zu musizieren, wie ihn seine Hörer in den Münchner Jahren erlebt haben. Meinen spontanen Eindruck kann ich nur auf eine Formel bringen: Er war „anders“ als die meisten von uns. Wichtiger aber, daß er die Persönlichkeit besaß, anders zu sein, und dazu auch die überzeugenden Fähigkeiten hatte.

Der Dirigent Christoph von Dohnanyi ist Music Director des Cleveland Orchestra.