Sergiu Celibidache

 

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Sergiu Celibidache
...im Spiegel der Presse

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Wolfgang Schreiber

Von Celibidache hin und her gerissen
Amerikanische Resonanz auf die USA-Tournee der Münchner Philharmoniker

„Bei all dem Reichtum unserer musikalischen Traditionen haben dieses Orchester und dieser Dirigent uns einiges zu lehren", schreibt der Kritiker der Chicago Sun Times. Und der Kollege der New York Times resümiert seinen Eindruck von Celibidaches Orchester arbeit so: „Er ist ein außerordentlich faszinierender Musiker, dessen Konzerte ... ein Leben lang in der Erinnerung verweilen werden." Faszinierend für die 130 Musiker aus München, für Celibidache und auch für den (bei den fünf Konzerten in New York, Boston, Worcester und Washington anwesen den) Beobachter war nicht allein das spontan beeindruckte, heftig zustimmende Publikum in den 14 Konzerten dieser Tournee, sondern die Reaktion der amerikanischen Musikkritik: So viel Hörbereitschaft, Offenheit dem „anderen" Musizieren gegenüber hatte man kaum erwartet — im Dorado des von Celibidache lebenslang bekämpf ten kommerziellen Musiklebens...

Dabei reagierten die Kritiker durchaus nicht nur mit gedruckten standing ovations, jenem Enthusiasmus, wie er etwa in den traditionsreichen Sälen von New York (Carnegie Hall) und Boston nach den Konzerten minutenlang anhielt, sondern auch mit Skepsis, Erschrecken, manchmal sogar mit Verstörung. Etwa so, wie sie sich zu Beginn von Bruckners vierter Symphonie im Geflüster zweier sichtlich erfahrener New Yorker Zuhörer offenbarte.

Celibidache läßt da nämlich das Tremolo der Streicher im dreifachen Piano nicht mit einem einzigen Intensitätsgrad, sondern mit völlig verschiedenen Tremolo-Gesten der Bögen spielen. Der aufmerksame New Yorker Musikfreund zunächst entsetzt zu seinem Nachbarn: „The violins are confused ... but it sounds well." Keine harte Tremolo-Fläche, ein äußerst weicher, entmaterialisiert klingender Ur-Anfang war das.

It sounds well - „die unglaubliche Schönheit und die Kultur des Klangs“ (Chicago Sun Times) des Münchner Orchesters war es, der das leise oder laute Befremden über Celibidache, den „Mystiker, Philosophen, Erzieher, Kulturfigur, Einzelgänger" (so die Los Angeles Times), immer wieder in Bewunderung umschlagen ließ. Man war hin- und hergerissen: Einerseits die ungewohnt langsamen Tempi bei so berühmten symphonischen Schlachtrössern wie Mussorgksys „Bildern" oder Brahms‘ Vierter, andererseits das wohl ebenso ungewohnte kammermusikalisch filigrane Musizieren eines Riesenorchesters, der visionäre Aufriß, den die Klangmaterie dabei freigibt — jenseits der Tugenden Perfektion, Drive, Brillanz heute gültigen Orchesterspiels.

Den Marion Brando der Dirigenten nennt der Rezensent von The Gazette in Montreal Celibidache; sein Auftritt bedeutet für die meisten Kritiker die Begegnung mit einer Legende. Man fühlt sich stark angezogen von einem großen alten „Star" der europäischen Musikwelt, den man ohne Mühe mit Furtwängler, Koussewitzky und Stokowski in Zusammenhang bringt, angezogen von seiner Kompromißlosigkeit und Sorgfalt im bedächtigen, allen Musikmarktgewohnheiten widersprechenden Umgang mit der Zeit und die Orchesterproben, von der Tatsache al lein schon, daß seine Auftritte zu den Raritäten gehören (vorausgegangen war das einzige Konzert mit den Curtis-Studenten in New York 1985), und man erkennt genau das Wesen von Celibidaches „Interpretationen", die „eine Partitur aus dem Inneren heraus neu beleben", die „unbestreitbar immer von höchster Wahrhaftigkeit sind" (so Le Soleil von Quebec).

Aber man fühlt sich begreiflicherweise auch irritiert von dem seltsamen Faktum, daß Celibidache das musikalische Kommunikationsmittel par excellence, die Schallplatte, großzügig verschmäht. Daß die Münchner Philharmoniker im Punkt „Präzision" mit den großen Klangkörpern Amerikas und Europas (noch) nicht ganz mithalten können, daß hier und da Einsätze wackeln oder die hohen Streicher nicht immer den obersten Standard von kraftvoller Homogenität verkörpern, das wird ihnen von manchen Kritikern ziemlich klipp und klar bescheinigt. Und Celibidache weiß es selbst, wenn er bei einer Probe sagt: „Gestern haben wir besser gespielt, als wir können."

Insgesamt war die von Audi gesponserte Tournee ausgezeichnet konzipiert und (von Frank Salomon) durchgeführt. Es gab zwischen den Konzerten genügend Ruhetage, es blieb Zeit nicht nur für flüchtige akustische Einspielproben, sondern sogar für musikalische Feinarbeit nach Celibidaches strengen Maßstäben. Spannend waren die Begegnungen mit den unterschiedlichen Sälen - ideal allein die harmonische Bostoner Symphony Hall -, mit dem unterschiedlich reagierenden Publikum in den Städten, das fast regelmäßig mit hymnischen Zeitungsvorberichten auf die seltenen Gäste aus Europa „heiß" gemacht worden war. Es gab Begegnungen der dritten Art - so mit jenem rüstigen alten Herren in San Francisco, der bei der Münchner Uraufführung von Mahlers Achter 1910 (!) eine der Harfen gespielt hatte -, mit dem 97 Jahre alten Sepp Morscher; mit Musikern der großen Orchester in den zehn Städten der Tournee, die den Kollegen aus Deutschland zum Teil die schmeichelhaftesten Komplimente machten.

Es gab gegen Ende der Reise eine Art Flüsterpropaganda von West nach Ost, sogar Leute, die dem Orchester nach fuhren. Vielleicht hatten sie über die Bruckner-Aufführung im San Francisco Examiner gelesen, die der Kritiker mit höchstem Lob bedachte - nämlich feierte als einen „Augenblick, in dem der eigene Glauben an die große und fast schon ausgestorbene Tradition nonkonformistischen Musizierens auf heroischer Stufe wiederhergestellt wurde".

Die spontane Bereitschaft der Amerikaner,  sich auf fremde, exzentrische Wege des Musikhörens einzulassen, so mit auf Widersprüche und Probleme der  musikalischen  Rezeption  heute, das war die eigentliche Überraschung  für die Gäste aus Deutschland. Und „Der mystische Celibidache", wie John Rockwell seine zweispaltige Kritik überschrieb, gab ihnen dabei die interessantesten Nüsse zu knacken.

( „Süddeutsche Zeitung", München)