Sergiu Celibidache

 

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Sergiu Celibidache
...im Spiegel der Presse

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Wolfgang Schreiber

Mit gutem Fu'chi
Die Münchner Philharmoniker mit Celibidache in Asien

Natürlich war auch dieses Gastspiel der Philharmoniker mit zehn Konzerten in Singapur, Bangkok, Hongkong, Taipeh und Tokio erfolgreich, triumphal; wie schon die Tournee im Frühjahr in Südamerika, wie die Reisen des Orchesters in den Jahren zuvor in und außerhalb Europas. Tatsächlich sind die Philharmoniker, wie Münchens Oberbürgermeister in den Konzertprogrammheften dem asiatischen Publikum mitteilen kann, „zu einem der wichtigsten Repräsentanten unserer Musikstadt München avanciert".

Der Erfolg der Münchner Musiker mit Celibidache, hat aber, so scheint es, noch eine andere Intonation als die vergleich barer Orchester auf Gastspielspuren. Wer als gelegentlich mitreisender Begleiter solcher Philharmoniker-Tourneen die Reaktionen des Publikums in den nahen oder fernen Ländern beobachtet, dem kann nicht entgehen, daß - wie jetzt auch in Fernost - nicht allein dem Orchester regelmäßig viel Aufmerksamkeit, Respekt und oft genug helle Begeisterung für seine künstlerischen Leistungen entgegengebracht werden. Vielmehr: daß der Respekt vor seinem Chefdirigenten immer wieder in höchstes Erstaunen, ja in Verehrung des Publikums (und selbst hartgesottener Veranstalter vor Ort) um schlagen kann. Und die sachliche Neugier beispielsweise der lokalen Journalisten und Kritiker in Verunsicherung oder gar Verstörung.

Dirigenten-Legende

Das mag zum einen mit dem bloßen Alter Celibidaches zusammenhängen, dessen 80 Jahren man in anderen Kulturen der Erde mit noch ungleich höherer Ehrerbietung begegnet als bei uns; sodann aber mit der lebenslangen musikalischen Erfahrung, die Celibidache vertritt, mit der alten deutschen Musiziertradition, in der er wurzelt, schließlich aber gewiß mit der unverwechselbaren künstlerischen Physiognomie dieses Dirigenten.

So beginnt beispielsweise der Kollege von The Straits Times in Singapur seine Kritik: „Eine Legende schon zu seinen Lebzeiten, ist Sergiu Celibidache von einer mit keinem anderen lebenden Dirigenten vergleichbaren Mystik umgeben. .." Denselben Kritiker befremden dann dennoch die ungewohnten langsamen Tempi von Haydns Symphonie Nr. 104, beeindruckt schließlich Prokofjews Fünfte zutiefst.

Die Journalisten in den Pressekonferenzen, die Celibidache nach Ankunft in einer fremden Stadt abhält, aber auch das elegante Kronkolonie-Publikum von Hongkong, die Chinesen in Taipeh und auch die der westlichen klassischen Musik hingegebenen Musikfans Tokios, sie wollen genau verstehen, was es mit der ungewohnten Musikauffassung dieses Dirigenten auf sich hat, mit dem unverwechselbar weichen, vollen und artikulationsfreudigen Klang des Orchesters, auch mit den notorischen Eigenheiten Celibidaches - etwa seiner heute nur schwer verständlichen Abstinenz gegen über der Schallplatte. Sie wurzelt letztlich in Celibidaches asiatischem „Temperament" in seiner buddhistischen Religiosität und deren dynamischem Lebensprinzip, das Musik nur als spontane Äußerung im Hier und Jetzt der Gegenwart gelten lassen will.

Deshalb ist eine Tournee der Münchner mit Celibidache in asiatischen Ländern wohl eine besondere Angelegenheit: Der Maestro als Musiker und als philosophierende Sphinx, der die kommerziellen Gewohnheiten und Klischees des internationalen Musiklebens (die im Medienparadies Japan in voller Blüte stehen) musizierend und auch verbal konterkariert. Und dessen musikalischer Puls hier perfekt aufgenommen wird.

Ein Beispiel nur: Celibidache war noch wenige Stunden vor der Aufführung von Bruckners Vierter Symphonie in Taipeh skeptisch, ob die Chinesen dies Stück mit seinen himmlischen Längen, das sie sich schließlich selbst gewünscht hatten, auch wirklich ertragen würden. Aber dann - es war der Abend nach dem taiwanesischen Nationalfeiertag mit dem vor 30 000 Zuhörern auf Großleinwänden des Riesenplatzes übertragenen Philharmonikerkonzert (die  SZ berichtete) - rief die Bruckner-Symphonie -90 Minuten lang doch nichts als atemlos gespannte Ruhe auf den Plan, waren Celibidache und die Musiker, die wie ein einziges Instrument das monumentale Werk beseelt hatten, von einem solchen Musikpublikum doch hingerissen. Die Chinesen haben diesem Dirigenten und seinem Orchester gegen über gewiß das, was sie „Fu'Chi" nennen, den „glückseligen Atem", das ungeteilte positive Gefühl, und dies wurzelt in der aller ihrer Geschäftigkeit oder Begeisterungsfähigkeit zugrunde liegenden Ruhe und Konzentration. Und die noch mehr nach innen gerichteten Japaner mögen sich vor allem dort mit Celibidache - und er sich mit ihnen, wie er immer sagt -verwandt fühlen, wo er ihrer Eigenart entspricht. Beispielsweise in der Praxis des „Nicht-Sprechens", womit der Japaner das Wesentliche innerlich wahrnimmt und ausdrückt.

Exorbitant deshalb auch der Applaus für den legendären, mit dem diffizilsten Gehör und Klangsinn ausgestatteten und deshalb so „schwierigen" Pianisten Arturo Benedetti Michelangeli, der nach mehr als zehn Jahren Japan-Abwesenheit erstmals dort öffentlich wieder auftrat. Zwei mal spielten er und die Münchner Philharmoniker in der trockenen Hitomi-Halle von Tokio Schumanns Klavierkonzert. Und wie schon in München gelang eine strenge, ernst und groß reflektierte, fast schmerzlich herbe Wiedergabe des Werkes. Fast mehr noch als Beethovens „Schicksalssymphonie" rief danach die majestätische Tragödie von Tschaikowskys Fünfter die Tokioter Musikenthusiasten zu Jubelstürmen hin.

Sind die pausenlosen Gastspiele von Solisten und Orchestern in aller Welt oft nur der menschlichen Sehnsucht nach Ruhm und Erfolg zu verdanken, der Geschäftigkeit oder der Tatsache, daß auch die Musikwelt ein einziges Dorf wurde, so ist unabweislich, daß Musiker wie die Münchner Philharmoniker und ihr Chefdirigent neben dem Erfolgskriterium auch von inhaltlichen Motiven zum Reisen gebracht werden.

Musikalische Mission

Aus (mehr oder weniger sinnvoller) Geschäftigkeit - sinnvoll ist immer das Erlebnis des Fremden und die Erkenntnis des Eigenen im Spiegel des Fremden -kann so tatsächlich eine „Mission" wer den: Celibidache und die Münchner wollen der Welt zeigen, wie lebendig Musik auch im Zeitalter der Musikapparate noch sein kann - wenn Musiker auf Routine verzichten, um ihre ganze Spontaneität auszuleben. Das macht das Besondere ihrer Tourneen aus, und der vom Bürger meister Münchens ausgedrückte Stolz über das Orchester bekommt dadurch eine andere Klangfarbe.

Zu den Ritualen einer Tournee der Münchner Philharmoniker unter Celibidache gehört auch ein seltsamer, mittlerweile beliebter Brauch der in München Zurückgebliebenen: Irgendwann taucht da irgendwo ein Brief, ein Telegramm oder ein Telefax aus München auf, mit dessen Hilfe dem Orchester, seinem Intendanten und/oder seinem Chefdirigenten aus mittleren Etagen der städtischen Verwaltung mitgeteilt wird, daß nun dieses oder jenes gar nicht mehr so weitergehe. Man stürzt in tiefe Verwirrung und zu den Telefonen ... Wie jetzt in Tokio: Vertraglich zugesicherte, offenbar im nächsten Etat des Orchesters bereits enthaltene Erhöhung der Chefdirigentengage wird - durchs Sprachrohr von Zeitungsmeldungen - angezweifelt, die Reisen des Orchesters werden generell in Zweifel gezogen, eklatante Falschmeldungen zu diesen Themen städtischerseits nicht dementiert. Wahrlich seltsame Gepflogenheiten der Stadt ihrem Ehrenbürger gegenüber!

Begegnung auf dem Rückflug von Tokio nach München: Carlos Kleiber saß in der ersten Klasse des Jumbos, und es kam zum bisher ersten und einzigen, freundlich interessierten Gespräch zwischen den beiden weltberühmten Dirigenten. Celibidache lud Kleiber ans Pult der Philharmoniker für die Saison des 100 jährigen Orchesterjubiläums. Wir sind gespannt, ob die Stadt München das überhaupt möchte.         

Süddeutsche Zeitung  22.10.92

 

Gerhard R. Koch

Der Buddhist in Bruckner
Celibidache und die Münchner Philharmoniker in Japan

Fährt man zum ersten Mal mit der Tokyoter Metro, so wähnt man sich beim Friseur: unaufhörliches Scherenklappern - bis man entdeckt, daß es von den Sperrenwächtern kommt, die ihre Knipszangen unablässig betätigen, auch wenn gerade keine Karten zu lochen sind. Ein merkwürdig abstrakter, minimalistischer Perkussionsraster entsteht da. Ausgerechnet im High-tech-Japan hätte man solch atavistischen Personalaufwand, derlei steinzeitmechanische Prozeduren am allerletzten erwartet. Auch der flüchtige westliche Besucher ahnt bald, daß in Japan Fortschritt und Tradition in einem spannenden Reibungsverhältnis zueinander stehen. Natürlich gilt dies für fast je des Land. Aber in Japan meint man intensiver den geheimen Riß zwischen dem neuen Fremden und dem fremden Alten spüren zu können. Natürlich ist die Oberfläche primär westlich geprägt: die Wolkenkratzer, die Kleidung, die repräsentativen Autos - das metropolitane Erscheinungsbild der größten Stadt der Welt und ihre Statussymbole. Zwangsläufig denkt man an die Unendlichkeit von Los Angeles. Dafür gibt es in den Großstädten eine „Cafe Mozart"-Kette. Heiße Würstchen heißen nicht „hot dog", sondern „german dog" oder gar „german big dog".

Zumindest in den Tempeln, Schlössern und Kultgärten der alten Kaiserstadt Kyoto wähnt man sich der Historie nahe; obschon die Besucherhäuflein ungerührter zu flanieren scheinen als vergleichbare Scharen in Barockschlössern- oder Kirchen. Doch bei den Schüler- und Jugendgruppen ahnt man latent paramilitärischen Hintergrund: in Uniform und Mütze tollen sie umher, um bald straff fahneschwenkenden Leitfiguren zu folgen. Die bevorstehende Kaiserkrönung wirft ihre Schatten voraus, kenntlich nicht nur an den Abriegelungen am Tokyoter Kaiserpalast, sondern auch an den umständlichen Anmeldungsformalien am alten Palast in Kyoto. Man glaubt, hinter den Fassaden die Konflikte mit den feudalen Traditionen entdecken zu können, Spannungen zwischen alten Samurai-Tugenden und neuen scheinegalitären Normen einer hochmodernen Industriegesellschaft. Plötzlich meint man Mishima besser verstehen zu können. Mag die außerordentliche japanische Höflichkeit mittlerweile ein Klischee sein, daß in der Rush hour der Metro seine Wirklichkeitsgrenzen hat, so fällt dem Ausländer doch auf, wie stark Rituale und Hierarchien die Kommunikation bestimmen, wie wenig diese Gesellschaft eine Rubato - Kultur kennt. Offenkundig liegt es nicht an den Sprachgrenzen, wenn Verhaltensweisen auch nur ein klein wenig außerhalb eingefahrener Bahnen und Reihenfolgen auf fassungsloses Unverständnis stoßen: Improvisation scheint tabu. Dafür kann man nach der Abfahrt der Züge die Uhr stellen.

Traditionell war Japan ein Land mit geringer Kriminalität. Doch schon bei der Fahrt vom Flughafen gewinnt man ungute Einblicke in die Welt der Yakuza, hier der „Airport-Mafia": im Disput mit einem Fahrer wegen eines abnorm hoch wirken den Preises fallen Drohungen von abgehackten kleinen Fingern und Rasiermesser schnitten im Gesicht, so daß man schnell begreift: Die alte Shinto-Frömmigkeit ist auch nicht mehr, was sie war.

Westliche Musikkultur wird in einem Ausmaß fetischisiert, daß es japanische Künstler in die Resignation treibt. Nicht zuletzt die Auftritte westlicher Spitzenorchester läßt man sich einiges kosten - bis hin zum Bau einer großen Konzerthalle hauptsächlich Karajan zuliebe. In der von einer Brauerei gestifteten Suntory-Hall prangt denn auch die Tafel mit seiner Danksagung.

Auch die Münchner Philharmoniker, die nun mit Sergiu Celibidache in Japan waren, spielen gewiß nicht um den Gotteslohn. Trotzdem ist ihre Beziehung zu Japan unter einem Aspekt weniger kommerzieller Natur: Celibidache hat buddhistische Neigungen. In dieser Zeitung ist sogar 1962 sein Aufsatz erschienen: „Verstehende sind schwer zu finden - Lebensfragen in buddhistischer Sicht". Ausgerechnet Celibidache, dem Züge des Perfektionisten und autokratischen Drillmeisters nicht fremd sind, macht sich nichts aus der Logik und Kausalität, der immanenten Technokratiegefährdung des westlichen Denkens mit seinen Funktionalismen und dem Beharren darauf, daß zwei mal zwei vier sei und bleibe. Seine hartnäckige Weigerung, Schallplatten aufzunehmen, hat wohl auch mit dem buddhistischen Ideal vom ganz erfüll ten Augenblick im Hier und Jetzt zu tun: der Einmaligkeit des musikalischen Klangs in Raum und Zeit.

Daß er gerne in Japan ist, kann man also verstehen. Vor vielen Jahren hatte er sich schon einmal in ein Kloster zurückgezogen; und auch jetzt stand ein Besuch in der alt ehrwürdigen Tempelanlage von Kamakura an, einschließlich einer kollektiven Zen-Meditationsübung und der Beobachtung der Bogenschützen. Celibidache findet nun vie les schon kommerzialisiert; die Klöster leben von Spenden, müssen für ihren Unter halt selber sorgen. Natürlich ist Celibidache ein Mensch mit seinem Widerspruch: Zen-Versenkung gehört ebenso zu ihm wie ungebrochen sarkastische Spottlust. Und wenn er sich nach Bruckners gewaltiger Achter kurz mit gefalteten Händen buddhistisch verneigt, um dann mit kurzer Kommandeursgeste das Orchester aufstehen zu lassen, dann spürt man sein Doppelwesen, das sich auch in seinen Konzerten und noch mehr in den Proben ausdrückt: Die autoritäre Diva, die unerbittlich und scharfzüngig die Musiker anhält, sich "als Kammermusiker zu emanzipieren, aufeinander zu hören, den Dirigenten quasi zu vergessen, Musik einzig aus sich heraus entstehen zu lassen.

Hauptsächlich dirigierte Celibidache in Japan Bruckner, die Vierte, Siebte und Achte. Gerade Bruckner ist ihm immer mehr Gravitationszentrum: Die Brahms-Sinfonien blieben einem stets gleich lieb, doch Bruckner würde permanent wachsen. Und so dirigiert er ihn auch zunehmend: als ins Unendliche sich weitende Landschaften, deren mitunter schier apokalyptische Aufgipfelungen sich wie von selbst, ohne gewaltsame Macher-Effekte vollziehen. Ob man deswegen gleich buddhistische Züge in Bruckner entdecken kann, bleibe dahingestellt. Aber daß Celibidache und das auf ihn eingeschworene, abgöttisch ergebene Orchester bei Bruckner überwältigend viel zu sagen haben, steht außer Frage und rührt von einer Qualität dialektischer Natur her: äußerste Lebendigkeit des erfüll ten Augenblicks und höchste Ruhe. Viel ist über die oft extreme Langsamkeit von Celibidaches Tempi gelästert worden, und nicht immer zu Unrecht. Manches auf der Stelle treten, den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sehen, läßt sich an Celibidache-Aufführungen in der Tat kritisieren. Trotzdem gilt es einem Mißverständnis zu begegnen: Seine Tempi nämlich sind weniger Ursache, eher Folge, Funktion anderer Faktoren wie Klang, harmonischer, rhythmischer, polyphoner Dichte. In der Relation zwischen zunehmender Ereignisfülle und abnehmen der Geschwindigkeit wird man ihm kaum immer folgen wollen. Bei Bruckner indes ergeben sich bestürzende Konsequenzen. Zumal die Münchner Philharmoniker unter Celibidache ein Spitzenorchester sind, dem in drei Bruckner-Sinfonien kein nennenswerter Blechpatzer unterläuft, und die mit fabelhaftem pianissimo, enormer dynamischer Bandbreite und verblüffendem, tat sächlich kammermusikalischem Filigran spielen. Einzig der Streicherklang könnte noch voluminöser und strahlkräftiger sein. Die Grenzen des Orchesters sind die Celibidaches. Das Ideal kontinuierlicher klanglicher Entwicklung hat dazu geführt, daß ganze musikalische Dimensionen geschrumpft sind. Fast beklommen stellt man fest, daß das Orchester kaum mehr staccato spielen kann, will oder soll. Kurzbogige Phrasierung, pointierte Artikulation, das ganze Repertoire rhetorisch-dialogischer Gesten scheinen wie weggeblendet. Man sieht in der Partitur die Phrasierungsbögen, hört indes nur unendliche Melodie. Problematisch, und dies hat nicht nur mit Tempo zu tun, ist auch die Neutralisierung der Allabreve-Vorschrift bei den Ecksätzen zu überaus ruhigen Vierteln hin. Manche rhythmischen Spezifika werden dadurch abgeschwächt. Gleichwohl führt dieser narkotische Zeitlupenprozeß zu überwältigen den Ergebnissen. Die Finalcoda der Vier ten, eigenwillig über einer herauspräparierten Sekundpendel-Figur der Streicher auf gebaut, entwickelt sich so aus einem quasi minimalistischen Ansatz unaufhaltsam zu maximaler Klangentfaltung.

Eines wird klar: Celibidache begreift seinen Bruckner auch als individuelle Mythologie und ganz vom Spätwerk her. Dabei ist er bei aller Versenkung nicht unkritisch, stimmt sogar zu, daß das Finale der Siebten in seiner Lakonik fast zu kurz sei - und selbst, daß im Finale der Achten die beiden letzten Partiturseiten mit der Übereinanderschichtung der vier Satzthemen ein wenig vorschnell kämen: Die Themen seien wahrscheinlich zu „eckig", um für Bruckner eine noch organischere Entwicklung zu ermöglichen. Vor allem aber sieht er Bruckner als großen Solitär, tilgt sowohl Anklänge an klassische Sinfonik als auch manchen Aus blick in die Moderne. Für ihn bleibt das Rätsel: Wo kommt Bruckner her? Um gleich dieselbe Frage für Debussy zu stellen. Bruckner und Debussy, zwei gleichsam voraussetzungs- wie folgenlose Komponisten, einzig der Selbstentfaltung des Klan ges verpflichtet.

Die Einwände gegen Celibidaches Bruckner verstummten vor der Achten - trotz immens breiter Tempi, verstörender Langsamkeit im Scherzo-Trio, einem weiten Atem, der noch Giulini übertrifft. Die reiche Tempo-Abstufung bis zum mystischen Stillstand gab dem Finale unvergleichliche Pespektivik; zumal ihm Devotionalien wohllaut wie Militärkapellmeisterzackigkeit gleichermaßen fern liegen. Wenn sich in der Finalcoda das Kopfsatz-Hauptthema wie eine riesige schwarze Wand auf türmt, entsteht, der. Eindruck urtümlicher Gewalt und zugleich differenzierter Selbstverständlichkeit. Es war eine lange Reise in Raum und Zeit, aber erfüllt in fast jedem Augenblick, vor allem im Finale, obschon eher depressiv als affirmativ. Das sonst wohl eher reservierte Tokyoter Publikum, gewiß verwöhnt, war wie aus dem Häuschen. Und gut kann man sich vorstellen, daß in der Begeisterung für den achtundsiebzigjährigen Celibidache, sein Orchester und Bruckner auch viel von dem traditionellen Respekt vor dem Alter mitschwingt.

Die Konzerte mit der Siebten und Achten brachten auch eine Sensation: Beide wurden von Sony für CD-Video aufgezeichnet. Man kann es inkonsequent finden, daß der Schallplattenverweigerer nun gleich der Doppelfixierung zustimmt. Aber Bedingung war die Live-Aufzeichnung, keine Studio-Produktion. Ein Element von Einmaligkeit soll so noch in der Reproduzierbarkeit erhalten bleiben. Sein Credo lautet nun einmal: „Der Klang mag übrig bleiben. Aber die Obertöne gehören dem Weltall, sie müssen wieder in dieses zu rück." Eine Spur zen-buddhistischen Urvertrauens in schlechthin alles Geschehende kann man darin schon erblicken. Um so spannender ist es sich vorzustellen, wie sich zwei Große der Musik, beide dem Zen zu geneigt, einmal unterhalten würden: Sergiu Celibidache und John Cage. Auf jeden Fall hörte man Bruckner in neuen Koordinatensystemen.               

Frankfürter Allgemeine Zeitung