Sergiu Celibidache

 

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Sergiu Celibidache
...im Spiegel der Presse

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Wolfgang Schreiber

Auch der Westen zeigt Seele
Das Moskau-Gastspiel der Münchner Philharmoniker unter Sergiu Celibidache

... Der deutsche Bundeskanzler ist ... der glücklichen Idee gefolgt, in Moskau ein deutsches symphonisches Orchester vorzuzeigen, das nicht nur die beiden Nationalhymnen irgendwie festlich intonieren kann, sondern auch zwei herrliche Konzertprogramme mit russischer, französischer und deutscher Symphonik. Ein Musikpräsent von gut einer Million Kosten...

Ob aus ehrlichem Kulturinteresse heraus oder aus bloßem politischem Kalkül, ein klingendes Espressivo - Schmiermittel nütze der Delegation an den Verhandlungstischen - dieser Staatsbesuch hatte tatsächlich so etwas wie eine Seele. Und die meldete sich gleich bei der Pressekonferenz zu Wort, die Maestro Celibidache, der Münchner Generalmusikdirektor, nach der Ankunft des Orchesters in Moskau ab hielt. Es bekümmere ihn die Tatsache, „daß wir nicht für die Russen spielen", die musikliebenden Moskauer, nicht für Konzertbesucher aus Neigung — Celibidache nannte die Russen „das beste Publikum der Welt" —, sondern für diejenigen aus Pflicht: die Politiker, Funktionäre, Diplomaten, Journalisten beider Nationen. Eine Unterscheidung, die nicht das Hörvermögen, sondern die Hörwilligkeit, die ungeteilte Musikaufmerksamkeit dieser zweierlei Zuhörer meinte.

Und wie herzlich, offen und sensibel das russische Konzertpublikum Moskaus tatsächlich der Musik zu folgen versteht, das bewies schließlich das letzte von insgesamt vier Konzerten der Philharmoniker aus München. Es war von den Gastgebern zusätzlich erbeten worden, um auch jene Musikfreunde der Stadt, die keine Beziehungen nach oben haben, des Kanzlers kostbares Mitbringsel erleben zu lassen.

Die offizielle Festlichkeit forderte natürlich   ihren   protokollarischen Tribut - die Staatsmänner und ihre Gefolgschaften wollten nur eine genaue Stunde Musik hören, ohne den Saal später betreten oder früher verlassen zu müssen. Es war also eine bittere Pille für das Orchester und Celibidache, daß das Cellokonzert von  Robert Schumann in letzter Minute vom Programm gestrichen wurde (bei dem die russische Meistercellistin  Natalia  Gutman  als Solistin hätte auftreten sollen). Natalia Gutman spielte dann das Stück im zweiten Konzert am Abend darauf, sie und ihre Musikerkollegen Kagan, Baschmet, Roshdestwenskij, Lazarew waren aber als Zuhörer im prachtvoll klassizistischen Säulensaal des Hauses der Gewerkschaften mit dabei, als die beiden Nationalhymnen, Beethovens „Egmont - Ouvertüre und Mussorgskys „Bilder" erklangen (in späteren Konzerten sah man Schtschedrin, Fedossejew, Shukow).

... Im übrigen hat es vielleicht doch auch mit der Person des Münchner Generalmusikdirektors zu tun, daß das Gastspiel diese besondere Farbe, diesen Erfolg erhielt; mit der Tatsache, daß er, zum erstenmal in seinem Leben in Moskau, bei der Pressekonferenz sagen konnte: „Ich weiß nicht warum, aber ich fühle mich hier so zu Hause ... das ist mir alles irgendwie bekannt, und bekannt auch nicht; es ist schwer zu erklären."  Als gebürtiger   Rumäne (Jahrgang 1912!) fühlt er sich noch der alten slawischen Kultur zumindest verwandt, als Wahl-Berliner seit den dreißiger, vierziger Jahren kann er auf spezifische Art und Weise eine deutsche Tradition vertreten...

Wie gewitzt, direkt zuweilen angriffslustig gab sich Celibidache bei seiner Pressevorstellung! Und einfühlsam in bezug auf die Veränderungen in der sowjetischen Gegenwart: „Wir sind bisher sehr skeptisch, wie wir es immer waren, seitdem es die Sowjetunion gegeben hat. Aber wir haben auch gehört, welche neuen Horizonte Sie versprechen. Wir wissen natürlich nicht die Details, wie Sie etwa leben, und deshalb machen wir dreifache Ohren, wenn wir hören, daß Sie etwas berichten möchten über die positiven Veränderungen im Lande - es sind sicherlich welche da! Das Ergebnis dieser enormen Mühe, dieser enormen Arbeit, das diese 70 Jahre bedeutet haben, ist noch nicht da, noch nicht so, wie es sein sollte."

In dieses Bild paßte hinein, daß die Philharmoniker und Celibidache den Einnahmeüberschuß des letzten Konzerts (und eine eigens gesammelte Spende des Orchesters) dem „Lenin-Kinderfonds" der Waisenhilfe zur Verfügung stellten. Als die Lautsprecher stimme dies vor Beginn des Konzerts ansagte, erhob sich das Publikum applaudierend von den Plätzen. Gebannt vernahmen die Zuhörer dann Rossinis „Diebische Elster"-Ouvertüre, Ravels „Rhapsodie espagnol" und die vierte Symphonie von Johannes Brahms. Dann „Standing ovations".

Die Moskauer Musikfreunde kennen diese Stücke natürlich gut, russische Orchester spielen sie in breiter Klang fülle, intensiv bis dramatisch in der musikalischen Gestik, zuweilen auch hart in der Intonation. Er habe, sagte der jüngere sowjetische Komponist Nikolai Korndorf nach einem der Konzerte, symphonische Musik noch niemals mit einer solchen Subtilität und Feinheit gespielt gehört. Celibidache war mehr als nur zufrieden mit seinen Musikern, von denen etliche sich noch an die er folgreiche Russland - Tournee 1974 unter Rudolf Kempe erinnerten; damals hatte ein überaus beeindruckter Dmitrij Schostakowitsch einer Bruckner-Symphonie beigewohnt.

Der staatliche Veranstalter russischerseits, Gos-Konzert, hat die Münchner Philharmoniker für Frühjahr 1990 zu einem größeren Sowjetunion-Gast spiel eingeladen (Moskau, Leningrad, Kiew), und der Bundeskanzler hat dem Dirigenten nach dem Festkonzert die Andeutung gemacht, er nähme das Orchester im nächsten Jahr gern mit nach Paris, zum Staatsbesuch des Revolutionsjubiläums. Celibidache beim Einstundeninterview im sowjetischen Fernsehen, beim offiziellen Festessen von Michail Gorbatschow im Kreml am ersten Abend des Staatsbesuchs, die Münchner Philharmoniker viermal bejubelt für ihre so menschliche Weise des Musizierens - der Erfolg dieses Gastspiels war mit Händen zu greifen, zu fühlen. Ein Erfolg, zu dessen Vätern auch die solide, so schnelle wie unauffällige Organisation (durch das Orchesterbüro, das Bonner Reisebüro usw.) gehört.

... Der Bundeskanzler besorgte seine politischen Geschäfte; und er nahm sich aber am Ende auch die Zeit, die großartige Günther Uecker - Ausstellung in der Staatlichen Gemäldegalerie zu betrachten (oder richtiger: in ihr rasch spazieren zugehen), die ein drucksvoll vielschichtige Präsentation eines Künstlers aus der Bundesrepublik, der seine Kunst  - ähnlich wie die Münchner Philharmoniker die ihre - ebenfalls in einem von Politikern herbeigeführten Zusammenhang dem sowjetischen Publikum zeigen konnte. Und der, wie Celibidache, eine präzise Vorstellung von künstlerischer Moral im Spannungsfeld von Kunst und Politik besitzt.

„Eine Herzlichkeit, die eine Dimension der Brüderlichkeit ist" nannte Heinrich Böll eine der Eigenschaften der „Seele des Ostens". Den Russen mag besonders das Fehlen der deutschen Stereotypen angenehm aufgefallen sein: der Zeichen von militärischer Härte, Eckigkeit, Zackigkeit. Und da war es schon erstaunlich, daß ein Soldat, der Pressesprecher des Bonner Verteidigungsministeriums, zu später Stunde im neuen Löwenbräukeller des Intourist - Hotels feuchte Augen bekam, als er nachträglich von der Münchner philharmonischen Version der deutschen Nationalhymne - so weich, so ausdrucksvoll! - schwärmte, die er so schön noch nie gehört habe.

Daß sich Deutsche und Russen so aufmerksam „anschauten", zuhörten, sich neu erkannten, ehe sie Abkommen unterschrieben, zu dieser vielleicht unmerklichen, aber auf lange Sicht sehr wirklichen Veränderung zwischen den beiden Völkern trug an dieser historischen Stelle auch ein Musizieren bei, dessen Charakter eben von der größten, auch der zartesten Aufmerksamkeit für jede Note und Phrase bestimmt wird...

(Süddeutsche Zeitung", München)