Sergiu Celibidache

 

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Sergiu Celibidache
...im Spiegel der Presse

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Ein Auszug aus dem Journal  "faszinationmusik"  Nachrichten der Klangkörper des Südwestrundfunks Nr.1 - Mai 1999. Kerstin Gebel im Gespräch mit dem ehemaligen SDR-Musikchef Dr. Otto Tomek

Sergiu Celibidache

Erinnerungen an ein Genie
Aus der persönlichen Sicht eines Rundfunkmannes

KG | Herr Tomek, lange vor Ihrer Zeit als Musikchef in Stuttgart sind Sie Sergiu Celibidache bereits begegnet. Erzählen Sie uns doch etwas darüber!

OT | Es gab eigentlich zwei Stufen des Kennenlernens. Einmal habe ich Celibidache als Student Ende der vierziger Jahre in Wien erlebt, das war das erste Mal, allerdings nur per Distanz, er oben auf dem Podium und ich im Saal. Wir Studenten waren hellauf begeistert. Wir hatten bis dahin nur die altehrwürdigen Herren wie Furtwängler oder Bruno Walter erlebt. Und dann kam Celibidache, ein Teufel, springlebendig, und er dirigierte Tschaikowskys Sechste. Das gab einen Riesenbeifall im Publikum, schon nach dem dritten Satz.

Seine Gastspiele in Wien waren aber relativ begrenzt. Und leider war es fast überall so, daß es nach einiger Zeit einfach Unstimmigkeiten gab und keine Harmonie mehr da war mit dem Orchester.

KG | Womit hatten diese Unstimmigkeiten zu tun? Wie ging er mit dem Orchester um?

OT | Seine Arbeit war hinreißend und fanatisch solange er am Pult stand, aber einen Schritt daneben wurde er problematisch. Ich selbst habe das dann später erst richtig erlebt.

Eine zweite Begegnung war dann schon etwas persönlicher, das war 1958 in Köln beim WDR. Er war damals fast in der Situation eines Chefdirigenten, obwohl er einen solchen Titel nirgends so richtig akzeptiert hat. Ich hatte damals als junger Redakteur für Neue Musik die europäische Erstaufführung des Klavierkonzertes von John Cage aufs Programm gesetzt, David Tudor spielte und Cage dirigierte. Was heißt dirigieren, er mimte eine Uhr, und er konnte, je nachdem, ob er die Minute schneller oder langsamer nahm, das Spiel beeinflussen, und die Musiker konnten die Töne setzen, wann sie wollten. Und das waren anarchische Klänge, ganz ungewohnt und auch weitab von der seriellen Musik dieser Jahre. Ja, und die Musiker mochten das gar nicht, lehnten es sogar ab.

Ein paar Tage nach dem Konzert kam Celibidache und probierte, und ich bekam plötzlich einen Anruf, ich sollte hinunterkommen, denn der Maestro wolle mich sprechen. Ich ahnte nicht, daß ich da in eine Falle ging. Ich kam also herein, er saß mit den Musikern im Saal und ließ sich das Klavierkonzert von Cage vorspielen. Übrigens waren im WDR in der Wand riesige Lautsprecher eingebaut, und dazu spielten sie mit einer so überdimensionalen Lautstärke, daß es völlig verzerrt klang. Und Celibidache kam auf mich zu und fragte: "Haben Sie das verantwortet?" - Ich bejahte. Dann sagte er weiter: "Wenn ich könnte, würde ich Sie auf der Stelle erschießen lassen." Sie können sich vorstellen, Daß einem das als Anfänger natürlich auf den Magen schlägt.

Dann vernahm ich lange Zeit nichts von ihm, ich war mittlerweile in Baden-Baden als Musikchef tätig. Und eines Tages hörte ich, daß mein Kollege Willy Gaessler in Stuttgart auch unter Celibidache litt und daß er ausgesprochen schlecht von ihm behandelt worden war. Das lag zum einen daran, daß Celibidache alte Menschen nicht mochte. Jüngere konnten fast alles tun. Und so hatte er sich oft auf bestimmte Musiker "eingeschossen." Die hatten dann kaum eine Chance. Nun hieß es, Celibidache habe sich mit dem Stuttgarter Orchester zerstritten. Ich wußte auch, daß es ebenso mit dem Schwedischen Rundfunkorchester und dem RAI-Orchester in Rom so war. Dort hatte er die Musiker derart beschimpft, daß sie mit den Pulten nach ihm warfen, wie mir der damalige Soloflötist Severino Gazzelloni mitgeteilt hatte.

1977, ich war gerade als Nachfolger von Willy Gaessler Musikchef in Stuttgart geworden, bekam ich einen Anruf von Dr. Kehm, dem Programmdirektor, Celibidache sei wieder da. Ich kam mit gemischten Gefühlen hinauf und saß, da Kehm kurz aus dem Zimmer gegangen war, ganz allein mit dem Maestro. Den Zwischenfall in Köln habe ich natürlich nicht erwähnt, obwohl ich mir ganz sicher bin, daß Celibidache sich genau erinnern konnte. Er hatte ein sagenhaftes Gedächtnis, wie ein Elefant.

Und merkwürdigerweise kamen wir von dem Moment an gut miteinander aus.

KG | Nun hatten Sie also die Gelegenheit, Sergiu Celibidache hautnah bei den Proben und im Konzert zu erleben. Wie hat er gearbeitet, was machte seine Faszination aus?

OT | Musikalisch war es mit ihm ungeheuer eindrucksvoll, obwohl ich auch stilistische Einwände hatte. Sein Mozart gefiel mir gar nicht, und auch jetzt bei den neuesten Brahms-Einspielungen der Deutschen Grammophon habe ich gewisse Zweifel. Beispielsweise hängt meines Erachtens der Anfang der 2.Sinfonie arg im Tempo durch. Das hat aber auch den Vorteil, daß dadurch eine ungeheure Klangentfaltung möglich war.

Bei den proben war er oft schwierig. Besonders auf die zweiten Geigen hatte er es abgesehen. Einmal dirigierte er eine Bruckner-Sinfonie, und für mich war das einfach wunderbar. Ich ging zu ihm hin, um ihm das zu sagen. Er fuhr mich an: "Wo haben Sie denn Ihre Ohren? Haben Sie nicht gehört, wie im Trio die zweiten Geigen gewackelt haben?"

KG | Verschiedene Musiker aus dem Orchester berichten, daß Celibidache sehr intensiv und lange geprobt haben muß?

OT | Ja, er hat sehr intensiv geprobt, das waren in einer Arbeitsperiode von ungefähr drei Wochen jeweils zwei Konzertprogramme. Er arbeitete mit seinem Orchester als ein echter Orchestererzieher. Wenn eine Probe begann, arbeitete er an den ersten 8 oder 16 Takten oft über eine Stunde. Für das erste Konzert, das ich mit ihn in Stuttgart hörte, war Dvoráks "Neue Welt" vorgesehen. Ich dachte bei den proben, er käme nie zu Ende.

Aber das war einer seiner Tricks. Nachdem er die Musiker auf die von ihm geforderte Klangqualität gebracht hatte, lief das Weitere ganz schnell und auch wesentlich einfacher.

KG | Sie waren von Celibidaches Mozart-Interpretationen nicht ganz begeistert. Was meinen Sie, wo seine Repertoire-Stärken lagen?

OT | Also, Bruckner unbedingt, Debussy und Ravel, die Spätromantik, das 20. Jahrhundert wie Bartók oder Strawinsky. Auch seine Probenarbeit bei Debussy und Ravel war beeindruckend pädagogisch und ging immer vom gegenseitigen Hören aus. Und damit brachte er das Orchester auf einen "Pianissimo-Standard" der einfach sensationell war. Er stimmte die einzelnen Akkorde so lange aufeinander ab, bis sie die richtige Transparenz hatten.

Und er wußte einfach alles. Celibidache war ein so umfassend kenntnisreicher Musiker. Er probte immer ohne Partitur. Er ließ sich nur immer die Taktzahlen vom Konzertmeister ansagen, die hatte er nicht im Kopf. Er wollte auch nie, daß Studenten mit der Partitur in die Proben kamen. Die mußte man einfach im Kopf haben, um sich ganz auf das Hören konzentrieren zu können.

KG | Warum ist Celibidache nach 1982 nicht in Stuttgart geblieben, warum ging er nach München?

OT | Meiner Meinung war ein wichtiger Grund, daß er großen Wert darauf legte, von Politikern hofiert zu werden. In München, bei seinem ersten Gastspiel, hat das auf Anhieb geklappt. Der Oberbürgermeister schickte ihm sofort einen Wagen, und von Franz Josef Strauß bekam er eine Telefonnummer, unter der er ihn immer anrufen konnte.

In Stuttgart war es sehr schwierig, die Politiker für Musik zu interessieren, und das war für Celibidache ein großer Mangel.

Ein anderer Grund war, daß Celibidache zwar ein großes Repertoire hatte, aber für den Rundfunk war es irgendwann einmal erschöpft. Man konnte nicht immer dieselben Stücke spielen. Und wenn man ein Rundfunkarchiv aufbauen will, ist das eben schwierig. Hingegen konnte ein städtisches Orchester wie die Münchner Philharmoniker jedes Jahr seine Bruckner-Sinfonien spielen. Das Publikum kam sowieso. Das war eine ganz andere Struktur.

Und dann ging es Celibidache eben nicht um Aufnahmen, wie Sie wissen. Er wollte das nicht und hat es immer abgelehnt.

KG | Wie war denn Ihre persönliche Zusammenarbeit bezüglich der Programmgestaltung? War das eine Teamarbeit?

OT | Am Anfang der Programmgespräche sagte er immer: "Also ich gebe Ihnen jetzt drei Perioden zu drei Wochen." Das waren erst einmal die Zeiten. Und dann fing das Ringen an. Er wollte z.B. die Achte von Bruckner dirigieren. Und ich sagte darauf: "Die haben wir doch erst gemacht." Darauf er: "Also schön, dann eben die Siebente." Und so ging das Stück für Stück. Wir haben immer alle möglichen Programme ausgelotet, mühsam. Ich bin manchmal zu ihm nach Paris gefahren und habe dort mit ihm verhandelt. Dort sah ich einen Tisch voll mit Post und ungeöffneten Briefen. Er hat nie geantwortet. Man konnte schreiben, was man wollte. Das ignorierte er, das war ihm lästig.

Manchmal hätte ich mir schon eine andere Programmgestaltung gewünscht. Er dirigierte z.B. den "Feuervogel" und "Petruschka", aber vom "Sacre" wollte er nichts wissen. Da gab es gar keine Diskussion. Aber Celibidache hat schon, angefangen von Haydn und Mozart bis ins 20. Jahrhundert, vieles dirigiert, aber sehr ausgewählt. Und das Orchester hat in diesem Bereich ungeheuer viel gelernt. Es bekam ein besonderes Profil durch ihn, eine Klanglichkeit und Sensibilität, wovon natürlich auch Gastdirigenten profitierten und was auch den Ruf des Orchesters prägte.

Umgekehrt merkte Celibidache auch, wenn ein anderer Dirigent dagewesen war. Dann fragte er fast jedesmal wütend: "Wer war vor mir da? Das ist ja unmöglich, so ein Klang!"

Er hielt nicht viel von seinen Kollegen.

KG | Wenn Sie sich erinnern und einmal zusammenfassen würden: Was war es, was Celibidache vor allen anderen Dirigenten auszeichnete?

OT | Das war die Klangentwicklung, eine ganz spezifische Klangsensibilität. Und die Fähigkeit, aus dem Augenblick heraus zu gestalten. Deshalb war er ja auch so gegen Studioaufnahmen. Er war der Meinung, daß Musik im Augenblick entsteht, daß sie heute anders sei als am nächsten Tag. Und dabei spielt natürlich auch das jeweilige Publikum eine große Rolle.

Für das Orchester wäre es sicher gut gewesen, mehr Wirkung nach außen zu haben. Deshalb begrüße ich jetzt auch die Celibidache-Edition der Deutschen Grammophon in Zusammenarbeit mit dem SWR. Die Aufnahmen zeigen, daß die Stuttgarter Jahre von 1972 - 1982 für das Orchester wie auch für Celibidache - entgegen manchen anderen Meinungsäußerungen der letzten Zeit - eine ganz wichtige und außerordentlich erfolgreiche Periode gewesen sind.

KG | Herr Dr. Tomek, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.