Sergiu Celibidache

 

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Sergiu Celibidache
...im Spiegel der Presse

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Gipfeltreffen der Großmeister:
Benedetti Michelangeli und Celibidache in der Philharmonie

Süddeutsche Zeitung Klaus Bennert 

War der Meister verstimmt? Rasch entließ er die Orchestermusiker von der Bühne, nahm ein letztes Mal mit skeptischer Miene des Publikums Ovationen zur Kenntnis - doch dann signalisierte eine Geste, die selbst den glühendsten Verehrer zum Schweigen bringt: Schluß für heute, bitte nicht noch mehr Applaus. Arturo Benedetti Michelangeli verweigerte weitere Huldigung.

Laune einer männlichen Diva? Mitnichten. Wenn irgendein als exzentrisch verschrieener Musiker unseres Jahrhunderts sich ein objektives Recht auf seine bisweilen bizarr anmutenden Attitüden erworben hat, dann Benedetti Michelangeli. Denn dessen Vollkommenheitsanspruch, den man ja auch als Demut vor dem Kunstwerk sehen muß, kann keine Halbheit dulden: Man hat sich als Verehrer seiner Kunst (und der Rezensent bekennt, daß er so manches Michelangeli-Konzert zu den Sternstunden seines Lebens zählt) daran gewöhnt und damit abgefunden, daß der große „ABM" eher kurz vor Konzertbeginn absagt, als sich mit einem Hauch von Unzulänglichkeit zu begnügen. Und man konnte in München vor Jahren einmal erleben, wie quälerisch lang Michelangeli einen verpatz ten Schlußakkord aushielt, als wolle er sich und das Publikum für diese Sucht nach Vollkommenheit sogar noch bestrafen ...

Doch eine solche Haltung steigert nur, beim Pianisten wie bei seinen Hörern, den Erwartungsdruck ins Unmenschliche: Wenn Michelangeli spielt, soll er der Übermensch am Steinway sein. Und die Medien schlachten des hypersensiblen Künstlers Auftrittspein auch noch genüßlich aus: Vom mittlerweile schwarzgefärbten Scheitel bis zum schwarzen Schweißtuch läßt sich der Spiegel kein privates Detail, kein Klischee und keine kleine Eitelkeit des Meisters entgehen, um Michelangeli zur dekadenten Kultfigur, zum in Schönheit sterbenden „Maestro in Moll" zu erheben.

Ein „Event"  also,  wie man  so  sagt: Michelangeli spielte an zwei Abenden Schumanns a-Moll-Klavierkonzert in der Münchner Philharmonie, begleitet von Sergiu Celibidache. Ein Gipfeltreffen schwieriger Großmeister, ein musikalisches Ereignis, das alle miterleben wollten, und für dessen letzte Karten horrende Schwarzmarktpreise gezahlt wurden. Und hinterher? Da gab sich so mancher Kenner arg enttäuscht - denn man hatte statt eines makellos unwandelbaren Mythos einen Menschen erlebt, dessen Kunst sich im Alter verändert hat. So etwas verzeiht man einem 72jährigen offenbar nicht gern, auch wenn er zu den größten Künstlerpersönlichkeiten unseres Jahrhunderts zählt.

Enorme Klangekstasen

Veränderung auch des Vollkommenen muß ja zudem keineswegs nur Verschlechterung bedeuten. Denn in dem gleichen Maß in dem Michelangelis einstiges Florestan - Feuer bei Schumann merklich fahler geworden ist, hat die Noblesse des Ausdrucks noch an Nachdenklichkeit gewonnen. Was zu gewissen Schwerpunktverschiebungen führt: Entsprechend dem Grad, in dem der chevalereske Aufschwung in der Kadenz an einstigem Glanz doch Einbußen erlitten hat, wirken die aus dem virtuosen Rausch in die Meditation führenden Einleitungstakte dieser Kadenz noch tiefsinniger, sprechender und nuancenreicher als früher (was man früher gewiß nicht für möglich gehalten hätte). Und während der junge Michelangeli in einer Mailänder Aufnahme aus dem Jahr 1942 mit einer furienhaft gejagten Strettawirkung am Ende des ersten Satzes elektrisierte, führt der alte Herr ein halbes Jahrhundert später lieber mit erlesener Kennerschaft und überfeinerter Sensibilität in die Binnenwelt des Andantiono grazioso, erhebt dieses Intermezzo zum seelischen Kernstück des ganzen Konzerts.

Warum dann also Enttäuschung dar über, daß große Akkordstellen mittlerweile etwas flacher und in ihrer metallischen Grundtönung nicht mehr ganz so gerundet klingen wie einst, daß sich die gewohnte Grandezza, Intensität und romantische Überredungskraft erst im Finale beglückend ereignete? Weil es zur Tragik der Perfektion gehört, daß sie zumindest in mancherlei Hinsicht keinerlei Alternativen duldet. Anders etwa als der greise Horowitz, der die nachlassende manuelle Präzision mit einer bisweilen fast abenteuerlich phantasievollen Neugier auf Interpretationsvarianten zu kompensieren verstand, strebt Michelangeli Interpretationsidealen nach, die von analytischem Formbewußtsein, betörendem Klangsinn und technischem    Non-plus-ultra-Anspruch gleichermaßen getragen sind. Wenn sich da dann auch nur der kleinste Makel einschleicht, dann ist für einen Michelangeli die Kunstwelt nicht mehr heil..

Ungetrübt hingegen war der Erfolg für Celibidache und die Münchner Philharmoniker , die nach einer überreich dem Andante sostenuto frönenden „Le Carnaval romain"- Ouvertüre von Berlioz einen wahren Triumph mit Prokofjews fünfter Symphonie feierten. Prokofjew selbst hatte dieses Opus 100 als Höhepunkt seines symphonischen Schaffens betrachtet; und tatsächlich läßt es sich als Ausgleich zwischen der Ironie mancher Jugendwerke und dem Pathos der russischen Musiktradition deuten, als Vollendung und Einbindung des „motorischen Stils" ebenso wie der volksliedhaften Elemente in einen großen architektonischen Zusammenhang.

Und Celibidache verstand es meisterlich, im Kopfsatz Klanggebirge von archaischer Härte und Mussorgsky - Wucht in gleichsam Brucknersche Dimensionen zu bringen, im Scherzo die elegante Aggressivität des Hauptthemas allmählich ins Groteske, ja Diabolische zu steigern und die epische Breite des Finales zu enormen Klangekstasen zu führen. Eine Weltklasseaufführung, an der die Münchner Philharmoniker wahrlich begeistern den Anteil hatten.