Sergiu Celibidache

 

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Sergiu Celibidache
...im Spiegel der Presse

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Presseberichte zur Veröffentlichung von Celibidaches "Taschengarten" 1980 in Stuttgart

Celibidache dirigiert den Taschengarten

Sergiu Celibidache: sein Name ging erstmals 1946 durch die Weltpresse, als er Chef   Dirigent der Berliner Philharmoniker wurde. Dieses Amt behielt er bis 1952, um danach dem alten Chef des Orchesters, Wilhelm Furtwängler, wie der Platz zu machen. Seit dieser Zeit war Celibidache als Gastdirigent in den meisten Konzertsälen der Welt, vor allem in Süd  , Mittel   und Nordamerika und Europa, tätig. 1963 nahm er die Leitung des schwedischen Rundfunk Sinfonie Orchesters an, 1972 übernahm er das Radio   Sinfonie   Orchester Stuttgart, außerdem war er ab 1975 ständiger Gastdirigent des Orchestré National der ORTF. Im Jahre 1979 machte er sich endlich sesshaft und nahm die Berufung als Chefdirigent der Münchner Philharmoniker und damit den Posten des Generalmusikdirektors von München an.

Schlechthin gilt Celibidache als dirigierender Exzentriker, dessen eigenwillige Ansichten und ausgeprägte Urteilshärte schon manche harte Kritik hervorgerufen haben. Doch die ihn kennen urteilen anders; seine Musiker sagen er liebt die Musik mehr als nur die Starpose, auch liebt er seine Musiker mehr als sich selbst, wenn sie ihm alles geben, was er verlangt und was seine Interpretation fordert und in seinen Forderungen ist er hart, sehr hart. Sein humanitäres philosophisches Weltbild gab ihm auch seine besondere Liebe zum Kind. ´„Es gibt leider viele Kinder, die keinen Garten haben. Aber sicher haben sie eine Schublade zu Hause. Wir Kinder, die wir nicht so viel, geweint haben, haben für die anderen in diesen schwarzen Rillen ein paar wahre, lustige, neue und natürlich winzige Geschichten versteckt. .." Mit diesen Worten beginnt Sergiu Celibidaches Einleitung zu seiner Komposition "Der Taschengarten„, die er geschrieben hat, um den Kindern der Welt zu helfen.

"Der Taschengarten": eine musikalische Schublade voller Geheimnisse für Kinder, die in ihrer Erlebniswelt etwas hören und fühlen sollen, was Erwachsenen verschlossen bleibt. Dreizehn kleine Geschichtchen, wie z.B. Enterichs Predigt, Fisches Nachtgesang, Käfertanz, Besenhengst im wilden Ritt u.ä. bilden ein sinfonisches Orchesterwerk das sich im kompositorischen Stil an Milhaud orientiert. Die Musik ist in knappen Sätzen klar und übersichtlich, die Melodien sind dem Volksgut entnommen oder zumindest diesem deutlich angepasst. Celibidache hält durch ständigen Wechsel der Orchesterfarben und durch raffiniert eingesetzte differenzierte Rhythmen das Interesse der Hörer immer wach.

Ist das Niveau für Kinder vielleicht ein wenig zu hoch angesetzt und geht zuweilen an der kindlichen Naivität vorbei, so ist die Musik bestimmt eine gute Anregung für Erwachsene, mehr für Kinder zu tun, als sie bisher getan haben.

Das Radio Sinfonie Orchester Stuttgart musiziert in der nun ersten, von Celibidache freigegebenen Schallplatte, unter der Leitung des Komponisten und früheren. Leiters mit berückender Schönheit und: Präzision. Doch die klangliche Üppigkeit und die dynamische Vielfalt der Partitur bestätigt die bisherige Devise Celibidaches auf Schaltplatteneinspielungen zu verzichten. Er ist dieser Devise eigentlich nur untreu geworden, um mit der Schallplatte Kindern zu helfen, denn die Aufnahme ist der UNICEF gewidmet. Der Reinerlös der Aufnahme fließt voll dem Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen zu. Der Dirigent, das Orchester und der Süddeutsche Rundfunk verzichten zugunsten der UNICEF auf Lizenzen und Honorare.

Jürgen Hiller - Pforzheimer Zeitung

"Der Taschengarten."

Bisher konsequenter Schallplatten-Einspiel-Gegner Sergiu Celibidache durchbrach seine Maxime erstmalig zugunsten einer Scheibe für UNICEF. 1946 wurde der exaltierte Senkrechtstarter über Nacht Chef der Berliner Philharmoniker und weltberühmt. Seine Fähigkeiten wie Eigenwilligkeiten als Dirigent und Künstlerpersönlichkeit sind unbestritten. Nach mehr als dreißigjähriger, erfolgreicher Odyssee durch fast alle Konzertsäle der Welt, seit 1979 Chef der Münchner Philharmoniker. Sein kompositorisches Oeuvre wurde bis jetzt durch vier Sinfonien, ein Klavierkonzert und zahlreiche andere Werke bekannt. Die Liebe zum Kindsein, sein humanitäres philosophisches Weltbild ließen ihn den "Taschengarten" erdenken und in Töne setzen. Eine kleine musikalische Schublade voller kindhafter Erlebnisweit, z.B. von "Enterichs Predigt", von "Fisches Nachtgesang" oder einem "Verschwundenen Igel" u.ä. Die Texte atmen fast chinesische Lyrismen und Hintergründigkeit. Die Musik ist entsprechend von einer elegischen Grundstimmung, die auch ein" Käfertanz" oder der "Wilde Ritt des Besenhengstes" kaum zu echt kindhafter Aufhellung bringen können.

Die spätromantisch bis impressionistische Kompositionsmanier setzt fast immer volle, üppige Instrumentation ein. Der von Ravel z. B. für seine Kinderstücke geforderte "style dépouillé" wäre von Vorteil. Wie weit der "Taschengarten" gleichsam als "Elegie auf die Kindheit" von der Psyche und musikalischen Aufnahmefähigkeit der Kinder adoptiert werden kann, ist hier die Frage. Im Konzert des ständig wachsenden Plattenmarktes für Kinder mit vorwiegend pädagogischen Akzenten ist der "Taschengarten" sicher nicht angesiedelt.

Das Radio-Sinfonieorchester Stuttgart musiziert unter der Leitung des Komponisten mit berückender Tonschönheit und Präzision. Die klangliche Üppigkeit der Partitur bestätigt einmal mehr die bisherige Devise Celibidaches, auf Einspielungen im "analogen" Verfahren solange zu verzichten, bis eine "Entstauchung" der Dynamik möglich wird. Sollte die "digitale" Aufnahmetechnik den Maestro zufrieden stellen, dann käme die Nachwelt doch noch in den Genuss seiner Deutung der großen Standardwerke der sinfonischen Literatur. In dem "Run" auf diese neue klangliche Dimension gebührte Celibidache dann als einzigem "Konsequenten" unter seinen Kollegen die Palme des "Primus interpares".

Reinhold Träger - Das Orchester

Schelmisches Märchen
"Der Taschengarten" von Sergiu Celibidache

Der gute Ton verlangt, dass man keine Schallplatten macht, hieß jahrzehntelang die Devise Sergiu Celibidaches, der gleichwohl Rundfunkproduktionen, wie sie sich aus seinem Beruf ergaben, jederzeit zustimmen musste. Die wenigen rund dreißig Jahre alten Aufnahmen, die heute von ihm im Handel erhältlich sind (Mozart, Tschaikowsky, Haydn, Mendelssohn, Bizet, Strawinsky) waren ungenehmigte "Raubpressungen". Bei einer jüngeren Einspielung von Bruckners siebenter Symphonie handelte es sich um unverkäufliche Muster in beschränkter Auflage für einen kleinen Kreis.

Nun gelangte erstmals mit des Meisters Segen eine Celibidache-Schallplätte auf den Markt. Sie liefert gleich eine zweite Überraschung mit, denn der Dirigent stellt sich hier zugleich als Komponist vor, und zwar mit seinem "Taschengarten", jener Orchesterkomposition für Kinder, die im vergangenen Jahr in Stuttgart aus der Taufe gehoben worden war.

Eine Musik für Kinder, da ist freilich eine Ausnahme vom Schallplattentabu erlaubt, und außerdem dient diese Einspielung einem guten Zweck, denn der Reinerlös wird UNICEF zugeführt. Alles in allem eine ebenso überraschende wie sympathische Idee, selbst wenn man vermuten kann, dass der Dirigent Celibidache mit einem großen Werk der Spätromantik oder des Impressionismus einen besseren Verkaufserfolg zugunsten des Kinderwerks geerntet hätte als mit diesem Stück außer Konkurrenz.

Wenn man dem heiklen Orchesterchef damit ein Schnippchen geschlagen hat, dass sein Taktierprodukt diesmal auf Rillen gebannt werden durfte, dann hat er umgekehrt seinen Freunden ein Schnippchen geschlagen, indem er sich als Komponist nur in der schelmischen Verkleidung des Märchenerzählers gezeigt hat, greifbar und ungreifbar zugleich.

Mit impressionistisch zarter Farbigkeit und vorlautem "Groupe-des-Six" - Humor, mit schlagfertigem Witz - auch in den hintersinnigen Begleittexten, die aber nicht gesprochen werden, sondern leider nur gedruckt beiliegen - und mit schwelgerischem Träumen ziehen die zwölf Kinderszenen ruhig wie Wolkenbilder am Ohr des, kindlichen Hörers vorüber.

Zwischendurch allerdings blitzt und kracht es, dass alles wackelt. Die Tiere und Pflanzen des Gartens irrlichtern durcheinander, auch fehlt nicht des Fisches Nachtgesang - in neuer Übersetzung! Die Tonleiter schielt so lustig, weil man ihrer Quinte die Nase eingedrückt hat. Auch verlangen Durterz und Mollterz gern beide zugleich das Wort und keine gibt nach. Das Motivmaterial kommt aus dem Stabilbaukasten, aber wer kann es schon so geschickt zusammensetzen und damit so hohe Türme bauen?

Ein lautes Husten, und alles fällt ein - wehe! Hört lieber zu, was euch Enterichs Predigt sagt: "Es gibt Wahrheiten, die viel gewinnen, wenn sie gesungen werden, besonders mit einer solchen wahren Stimme: Es ist eine große Sache, dass man nicht unwichtig bleibt, denn das Unwichtigbleiben ist keine große Sache."

Auch die Wahrheit dieser Schallplatte ist, dass sie ja nicht unwichtig bleibt!

Heinz-Harald Löhlein - Stuttgarter Zeitung

Auf ins neue Leben!
Der Taschengarten

Sergiu Celibidaches überragender Rang als Dirigent kann nicht ernsthaft bezweifelt werden. Doch als Komponist ist er eine Obskurität. Für seinen "Taschengarten" hob er 1978 den 25 Jahre eingehaltenen Bann gegen die Schallplatte ein einziges Mal auf.

Der Erlös dieser den Kindern der Welt gewidmeten Platte, die "euch eines schönen Tages . . . et was finden lassen" könnte, "was die Erwachsenen in ihrem Garten vergeblich gesucht haben", floss an UNICEF. Keine weitere seiner Kompositionen hat Celibidache mit einem Orchester einstudiert, auch nicht in München, wo bereits die Stimmen für seine "Rumänische Suite" ausgeschrieben waren. Umso rätselhafter muss diese Ausnahme erscheinen, die nun an lässlich seines 90. Geburtstags (am 11. Juli, nach dem damals im ostkirchlichen Raum gültigen Kalender am 28. Juni) als Schlussbaustein der unvollendeten DG- Edition wieder veröffentlicht wurde.

Kein Zweifel, an seinem "Taschengarten" muss ihm viel gelegen haben, unermesslich viel. Die Musiker des Radio - Sinfonieorchesters Stuttgart, solchermaßen privilegierte Botschafter vor der Geschichte, suchten das Werk des verehrten Maestro nach Epigonismen ab wie die Ameisen - und wurden, so Solo - Oboist Lajos Lencses heute "nicht fündig". Einflüsse finden sich wie überall auch hier, aber doch stets in verwandelter Weise: Debussy (oder ist es nur die Freiheit der Mittel, die subtile Organisation des Einfachen und alles durchdringende Beweglichkeit?), Milhaud (oder ist es nur die polytonale Sprache?), Prokofieff (oder sind es nur die hakenschlagenden Kadenzen?), auch Bruckner in der Kräftedisposition von "Trop loin le ciel, vieux sapin". Und vieles weitere, aber nichts davon wirklich. Von den von ihm geschätzten Zeitgenossen wie Dutilleux, Bäck oder Norgärd ist nichts zu hören, auch nicht von der Schule des unvergessenen Lehrmeisters Heinz Tiessen. Jürgen Fehling, für Celibidache "der Künstler überhaupt", hat's gesagt: "Einer wird dogmatisch, wenn ihm nichts weiter einfällt." Die Musik Celibidaches ist - im "Taschengarten" jedenfalls, dem einzigen, was wir von ihm kennen   von einer unendlichen Offenheit und Durchlässigkeit, zugleich von anteilnehmender Menschlichkeit, suggestiver erzählerischer Poesie und formaler Dichte. Der "Taschengarten" wurde vermutlich nicht lange vor den Aufnahmen vollendet, und er nahm   das hat Celibidache immer wie der berührend geschildert   seinen Ausgangspunkt im Finden und Erfinden musikalischer Gestalten zusammen mit Kindern. jeden Satz habe er auch als tönende Widerlegung einer akademischen Kompositionsregel geschrieben   was an sich kein Verdienst wäre und weder hörend sich aufdrängt noch ohne weiteres postum bewiesen werden könnte. Als Ganzes ist der "Taschengarten" eine äußerst vielfarbige und gest(alt)enreiche, märchenhafte Suite, deren erste Hälfte sehr kontrastreich verläuft, um dann naturhaft-geheimnisvoll ins Zentrum zu gelangen: die Suche nach dem entlaufenen Igel, das aller ambitionierten Zeitgenossenschaft abhanden gekommene, im Ursinne gemütliche "Grüne Gebet" und die Rückkehr des Igels mit Gefährtin. Auf ins neue Leben! Kunst hat, so Celibidache, keinen Sinn als den der Befreiung; alles andere ist lediglich Beitrag zur Kunstgeschichte, Anhäufen von Denkmälern. Den "Taschengarten" hat er in diese Welt entlassen als Einladung in eine andere Welt, die nur dem zugänglich ist, der sich ein kindliches Gemüt bewahrt hat und nicht der materialistischen Allianz aus Denken und Herrschen, aus List und Lust aufgesessen ist, denn: "In jedem Stück dieser Platte steckt ei ne verbotene Frucht, grün und sauer wie die vom Obstgarten des Nachbarn, die euch so gut schmecken und die die Ahnungslosen reifen lassen. Überlasst den Großen die Sorge, herauszufinden, was nicht schön ist an dem, was wir schön finden."

Christoph Schlüren Fono Forum